Vor 40 Jahren, am 26. April 1986, flog der Kernkraftreaktor im ukrainischen Tschernobyl in die Luft. Große Mengen radioaktiver Stoffe wurden über Europa verteilt. Österreich war vom radioaktiven Fallout – bedingt durch Niederschläge in den Tagen nach der Freisetzung – stark betroffen: wo es am meisten regnete, kamen auch die meisten radioaktiven Stoffe, so genannte Radionuklide herunter. Vor allem in Oberösterreich, Salzburg, der nordwestlichen Steiermark sowie in Teilen Kärntens kann man bis heute erhöhte Werte des langlebigen Cäsium-137 messen.
40 Jahre Tschernobyl: Manche Pilze erinnern sich noch daran
Keine Belastung von Lebensmitteln
In Acker- und Wiesenböden ist das Cäsium-137 an Tonbestandteile gebunden und somit nicht mehr für die Pflanzen verfügbar. Zudem werden bei landwirtschaftlich genutzten Flächen Radionuklide durch das Ernten entfernt oder durch Umpflügen in tiefere Bodenschichten befördert. Bei landwirtschaftlichen Produkten spielt Cäsium-137 daher keine Rolle mehr. Das zeigen auch die fast 1.000 Lebensmittelproben, die wir jedes Jahr auf Radioaktivität überprüfen: Hier liegen die Werte wieder auf dem Niveau wie vor dem Tschernobyl-Unfall. Lediglich in wildwachsenden Pilzen und Wildbret können noch höhere Cäsium-137 Werte auftreten.
Warum manche Pilze immer noch Cäsium-137 enthalten
Im Gegensatz zu Wiesen und Ackerböden verändert sich der Waldboden über lange Zeiträume nicht. Bodenproben zeigen, dass Cäsium-137 auch Jahrzehnte nach Tschernobyl hauptsächlich in den obersten zehn Zentimetern des Waldbodens verbleibt. So kann es über die Wurzeln in Pflanzen und Pilze aufgenommen werden. Über das abgefallene Laub und abgestorbenes Pflanzen- und Pilzmaterial gelangt es wieder in den Boden, wird im kommenden Jahr wieder aufgenommen usw.
Wie sich die Situation in Österreichs Wäldern darstellt, haben wir in den vergangenen Jahren genau untersucht. Ein Pilzmonitoring konzentrierte sich darauf, Cäsium 137 in Eierschwammerln, Steinpilzen, Maronenröhrlingen und Parasolen zu bestimmen. Dafür wurden aus vielen Gebieten in Österreich Pilze auf Standorten gesammelt, die unterschiedlich stark von Tschernobyl betroffen waren. In einem weiteren Projekt wurden an Standorten, die von Tschernobyl stärker betroffen waren, verschiedene Wildpilze wie Frauentäubling, Goldröhrling, Ockertäubling, Reifpilz, Semmelstoppelpilz, Trompetenpfifferling und Violetter Lacktrichterling untersucht, aber auch Moose, Flechten, Farne und Bodenproben.
Es zeigte sich, dass verschiedene Pilzarten Cäsium-137 sehr unterschiedlich aufnehmen: Eierschwammerl und Steinpilze liegen deutlich unter dem Grenzwert von 600 Bq/kg Cäsium 137. Bei Maronenröhrlingen, Reifpilzen und insbesondere Semmelstoppelpilzen wurden aber zum Teil noch sehr hohe Gehalte über 2.000 Bq/kg Frischgewicht gemessen. Insgesamt lagen 22 Pilzproben über dem Grenzwert. Diese Überschreitungen betrafen vor allem Regionen mit bekannter hoher Bodenbelastung sowie Pilzarten, die aufgrund ihrer Physiologie besonders viel Cäsium aufnehmen.
Gefährlich ist das trotzdem nicht: Das Maß für die Belastung durch Radioaktivität wird in milli-Sievert (mSv) angegeben. Selbst wenn man 10 Portionen mit je 250 g jener Pilze, die den Grenzwert überschreiten, isst, nimmt man damit nur eine maximale Dosis von etwa 0,07 mSv auf: Das ist weniger als zwei Prozent der natürlichen Strahlenbelastung von ca. 4,3 mSv pro Jahr, der ein Mensch im Jahr ausgesetzt ist.