Shamonda-Virus
Steckbrief
Anfang August 2026 meldeten das deutsche Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) und das Institut für Virologie und Immunologie (IVI) in der Schweiz zeitgleich den Nachweis eines neuartigen Orthobunyavirus in Rindern aus mehreren Rinderbeständen in Süddeutschland und der Schweiz. Auch in Frankreich kam es zu vergleichbaren Krankheitsfällen mit Virusnachweisen. Das neuartige Virus wurde zuerst „Shamonda-like“-Virus bezeichnet. Bald danach wurde das Auftreten einer weiteren Variante dieses Virus im Nordwesten Deutschlands berichtet. In der Reihenfolge der Entdeckung wurden die beiden Virus-Varianten (andernorts auch als „Kladen“ bezeichnet) dann Shamonda-Virus Europa 1 bzw. Europa 2 (SHAV-EU1, bzw. SHAV-EU2) genannt. Beide SHAV-Varianten dürften Berichten zufolge eine ähnliche klinische Symptomatik aufweisen, jedoch geografisch in unterschiedlichen Regionen auftreten (SHAV-EU1 eher in Zentraleuropa, SHAV-EU2 eher im nördlichen Europa). Unterschiede im Spektrum der für SHAV-EU1 bzw. SHAV-EU2 empfänglichen Tierarten, falls vorhanden, sind noch zu wenig erforscht, sodass hier in Folge primär von SHAV (umfasst beide Varianten) die Rede ist.
Die Diagnostik wurde an der AGES rasch etabliert und so erfolgte Mitte August 2026 zeitgleich der erste Nachweis von SHAV in zwei österreichischen Rinderbetrieben in den Bundesländern Vorarlberg und Oberösterreich. Mittlerweile wurden Infektionen bereits im gesamten Bundesgebiet nachgewiesen.
Das SHAV wird ebenso wie das hierzulande seit 2012 vorkommende Schmallenbergvirus (SBV) und das Virus der Blauzungenkrankheit über Gnitzen übertragen und die Infektion kann zu fieberhaften Allgemeinerkrankungen mit Fressunlust, Durchfall und Milchleistungsrückgang führen, aber auch zu Aborten und Missbildungen bei neugeborenen Kälbern, Lämmern und Zicklein. In der Schweiz und Deutschland wurde auch der Nachweis von genetischem Material des SHAV im Gehirn von Pferden berichtet, die an einer neurologischen Symptomatik verendet waren. Auch bei einem Alpaka gelang bereits der Virusnachweis. Menschen sind für die Infektion in Analogie zu SBV vermutlich nicht empfänglich, das muss allerdings erst durch weitere Untersuchungen auch für das SHAV bestätigt werden.
Vorkommen
In Afrika sind Infektionen mit SHAV seit vielen Jahrzehnten bekannt, auch in Japan wurden sie nachgewiesen. Seit Sommer 2026 erfolgten Nachweise in Belgien, Deutschland, Frankreich, Niederlande, Österreich und der Schweiz. Eine weitere Ausbreitung in Europa ist zu erwarten.
Wirtstiere
Nach dem derzeitigen Wissensstand und in Analogie zu SBV sind Haus- und Wildwiederkäuer, Pferde und Alpakas empfänglich.
Infektionsweg
Die Übertragung erfolgt vermutlich durch den Biss von Gnitzen bzw. auch von infizierten Muttertieren auf die Feten.
Inkubationszeit
In Analogie zu SBV vermutlich wenige Tage.
Symptomatik
Bei Rindern, vor allem Milchrindern, wurde bisher hauptsächlich wässriger Durchfall, Fieber und Milchleistungsrückgang beschrieben. Zumeist sind mehrere Tiere gleichzeitig betroffen. Nachweise in Österreich beschränken sich bisher fast ausschließlich auf Rinder, möglicherweise sind die Symptome bei Schafen und Ziegen weniger stark ausgeprägt bzw. überhaupt subklinisch. Infektionen in einem bestimmten Trächtigkeitszeitraum können bei vielen Orthobunyaviren, vermutlich auch bei SHAV, zu zeitverzögerten fetalen Missbildungen oder lebensschwachen Jungtieren führen.
Die betroffenen Pferde, bei denen SHAV-Erbgut im Gehirn gefunden wurde, hatten neurologische Symptome gezeigt, somit könnte SHAV eine Differentialdiagnose zu anderen viral bedingten Enzephalitiden bei Pferden (z.B. West-Nil Virus, Herpesvirus, Bornavirus) darstellen. Zu beachten ist, dass ein Virusnachweis am lebenden Pferd bisher noch nicht dokumentiert wurde.
Therapie
Es gibt keine ursächliche Therapie. Erkrankte Tiere können unterstützend mit fiebersenkenden und entzündungshemmenden Medikamenten behandelt werden. Entsprechende Nebenwirkungen bzw. Kontraindikationen sind den jeweiligen Packungsbeilagen zu entnehmen. Beim verwandten SBV führt der Großteil der Infektionen nicht zu klinischer Erkrankung, sodass die Ausbreitung erst nachträglich über Antikörperuntersuchungen nachgewiesen wird.
Vorbeugung
Derzeit gibt es für das SHAV keine Impfstoffe auf dem Markt. Die Verwendung insektenabwehrender Mittel (Repellentien) ist möglicherweise geeignet, den Infektionsdruck etwas zu senken.
Situation in Österreich
Mitte August 2026 erfolgte der erste Nachweis des SHAV in Österreich. Seitdem hat sich die Infektion praktisch über das gesamte Bundesgebiet ausgebreitet. Die Nachweise beschränken sich in Österreich bisher fast ausschließlich auf Rinder. Die Erkrankung ist nicht meldepflichtig. Es erfolgen keine amtlichen Untersuchungen auf das Virus und der diagnostische Nachweis hat keine behördlichen Bekämpfungsmaßnahmen zur Folge.
Fachinformation
Das SHAV ist ein behülltes RNA-Virus mit einzelsträngigem, segmentiertem Genom aus der Familie Bunyaviridae, Genus Orthobunyavirus. Verwandte Viren (SBV, Shamonda-, Aino- und Akabane-Virus; „Simbu-Serogruppe“) sind in Australien, Asien, Afrika und seit 2011 auch in Europa verbreitet und rufen dort in der Regel zunächst nur eine sehr milde Klinik hervor. Werden allerdings trächtige Tiere infiziert, so können zeitverzögert zum Teil erhebliche kongenitale Schäden, Frühgeburten und Störungen im Fruchtbarkeitsgeschehen auftreten.
Nach heutigem Wissensstand ist von keiner Gefährdung des Menschen durch diese Viren auszugehen.
Nachdem die Erkrankung bzw. Infektion nicht meldepflichtig ist, bleibt der Nachweis tierseuchenrechtlich ohne Konsequenzen.
Übertragung
Die Übertragung erfolgt wie bei SBV und Shamondavirus vermutlich durch Gnitzen (Culicoides spp.). Wahrscheinlich können naive Muttertiere die Infektion auf die Feten transplazentar übertragen, wodurch es bei Letzteren zu Störungen in der nervalen Entwicklung kommen kann.
Symptomatik
bei akuter Infektion: In den meisten Fällen kommt es bei Viren der Simbu-Serogruppe zu keiner oder nur einer gering ausgeprägten und kurzzeitigen klinischen Symptomatik, die durch Fieber, Durchfall und/oder Milchleistungsrückgang gekennzeichnet ist. Im Zuge der akuten Infektion kann es bei trächtigen Tieren vermutlich auch zu Aborten kommen. Bei Pferden, bei denen postmortal SHAV im Gehirn gefunden wurde, wurden neurologische Symptome, wie Teilnahmslosigkeit, Koordinations- und Bewegungsstörungen, Muskelzuckungen, Nystagmus oder Schielen beobachtet. Neurologische Störungen können möglicherweise auch bei Alpakas auftreten, hier ist die Faktenlage derzeit aber noch unsicher.
bei transplazentarer Infektion: Werden trächtige, naive Muttertiere in einem empfänglichen Zeitraum infiziert (beim Schaf vermutlich zwischen dem 30. und 50. Tag, beim Rind etwa während des 75. bis 175. Trächtigkeitstages), kann eine Infektion mit Viren der Simbu-Serogruppe (z.B. SBV) zu schweren Missbildungen an Extremitäten (Arthrogrypose) und Kopf (Hydrocephalie, Torticollis, Hydranencenphalie) führen. Die Geburt missgebildeter und/oder lebensschwacher Jungtiere erfolgt abhängig vom Infektionszeitpunkt und der Tragezeit der unterschiedlichen betroffenen Tierarten im Winter und Frühling. Ob diese Erscheinungen auch beim SHAV auftreten, muss noch geklärt werden.
Diagnostik
Als Untersuchungsmaterial eignen sich im akuten Krankheitsfall EDTA-Blut und/oder Serum, sowie Durchfallkot und Abortmaterial. An verendeten oder euthanasierten Tieren kann der Nachweis aus der Milz versucht werden.
Sollte eine Abklärung von mit neurologischer Symptomatik verendeten oder euthanasierten Pferden erwünscht sein, ist Gehirnmaterial erforderlich.
Die Untersuchung auf das SHAV ist privat zu bezahlen.
Die Untersuchung auf Antikörper aus Blut (Serum) erlaubt eine Aussage, ob das Tier Kontakt mit dem Virus hatte. Derzeit sind noch keine kommerziell erhältlichen ELISA-Tests verfügbar, die gegen das SHAV gerichtete Antikörper spezifisch nachweisen können; da es zu Kreuzreaktionen mit SBV-Antikörpern kommt. Eine Differenzierung von SBV und SHAV ist vermutlich im Virusneutralisationstest möglich, entsprechende Untersuchungen dazu laufen noch.
Die Untersuchung mittels PCR erfolgt aus Blut (EDTA-Blut oder Serum), Organen (v. a. Milz) sowie Durchfallkot und Abortmaterial; bei missgebildeten euthanasierten oder verendeten Jungtieren kann neben Blut und Milz auch die Untersuchung des Gehirnes oder Rückenmarkes zielführend sein: Die PCR weist das Virus bzw. Virusbestandteile direkt nach. Die Dauer der Nachweisbarkeit von SHAV in Blut bzw. Geweben ist noch nicht geklärt, vermutlich ist es im Blut wie auch SBV nur für wenige Tage nachweisbar. Ob das SHAV auch im Samen ausgeschieden werden kann, ist ebenfalls noch nicht erforscht.
In allen Fällen sollte der Probenversand an das Labor idealerweise unter Beigabe von Kühlmitteln und Berücksichtigung der entsprechenden Transportbestimmungen (UN3373) durch ein dazu berechtigtes Logistikunternehmen durchgeführt werden.
Kontakt
Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Mödling
- vetmed.moedling@ages.at
- +43 50 555 38112
-
Robert Koch-Gasse 17
2340 Mödling
Aktualisiert: 28.09.2026