Amerikanische Rebzikade

Scaphoideus titanus

Warndienst
Zuletzt geändert: 20.01.2021
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Tierseuchenkategorien:

Steckbrief

Die Amerikanische Rebzikade ist eine aus Nordamerika stammende Zwergzikade. Sie überträgt den Erreger der wirtschaftlich bedeutsamen Rebkrankheit „Flavescence dorée“ (Goldgelbe Vergilbung der Rebe), eine in der Europäischen Union meldepflichtige Unionsquarantänekrankheit.

Aussehen

Die erwachsene Amerikanische Rebzikade (Scaphoideus titanus) ist geflügelt und 5-6 mm lang. Erkennungsmerkmale sind ihre spitze Kopfform, mittelbraune Bänder am Rücken und die kontrastreich gefärbten Flügel, die weiße Stellen und dunkle Flügeladern aufweisen.

Das erste Larvenstadium ist etwa 1,8 mm groß und durchscheinend weiß gefärbt. Am Körperende befinden sich zwei dunkle Punkte. Auch die anderen vier Larvenstadien zeigen diese beiden Punkte. Mit jeder Häutung werden die Larven größer und ihre Körperfarbe dunkler.

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Drittes Larvenstadium der Amerikanischen Rebzikade
Drittes Larvenstadium der Amerikanischen Rebzikade (Scaphoideus titanus)(2)
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Blattunterseite eines Rebblattes mit vier jungen Larven der Amerikanischen Rebzikade und ihren Häutungsresten
Blattunterseite eines Rebblattes mit vier jungen Larven der Amerikanischen Rebzikade (Scaphoideus titanus) und ihren Häutungsresten. (3)
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Adulte Amerikanische Rebzikade
Bild einer adulten Amerikanischen Rebzikade

Biologie

In Österreich beginnen die ersten Larven etwa ab der letzten Maiwoche zu schlüpfen. Der Schlupf wird von der Witterung, geografischen Lage und Seehöhe der Weingärten beeinflusst und dauert mehrere Wochen, sodass verschiedene Entwicklungsstadien gleichzeitig auftreten. Die jungen Larven sitzen häufig an den Stockausschlägen auf der Blattunterseite. Nach insgesamt fünf Larvenstadien treten im Juli die erwachsenen, flugfähigen Zikaden auf. Ab Ende Juli legen die Weibchen ihre Eier am Rebstock unter die Rinde ab. Den Winter überdauert die Amerikanische Rebzikade im Eistadium. Sie durchläuft eine Generation im Jahr.

Schadsymptome

An sich ist die Amerikanische Rebzikade kein Schädling. Sie überträgt jedoch den Erreger der wirtschaftlich bedeutsamen Goldgelben Vergilbung der Rebe (Flavescence dorée). Dabei handelt es sich um Phytoplasmen, die als Zellparasiten in den Siebröhren der Rebe leben. Frisch geschlüpfte Larven der Amerikanischen Rebzikade sind immer frei von Flavescence dorée-Phytoplasmen. Saugen die Zikaden an einer mit Flavescence dorée infizierten Rebe, nehmen sie die Erreger mit dem Saftstrom auf. Nach drei bis vier Wochen können die Zikaden dann die Phytoplasmen weitergeben. Die größte Gefahr hinsichtlich der Verbreitung der Goldgelben Vergilbung geht von den erwachsenen Zikaden aus. Diese treten ab ca. Mitte Juli bis Ende September auf. Aufgrund der engen Bindung der Amerikanische Rebzikade an die Rebe, kann es zu einer raschen Ausbreitung der Krankheit kommen.

Wirtspflanzen

Die Hauptwirtspflanze der Amerikanischen Rebzikade ist die Weinrebe (Vitis spp), von deren Phloemsaft sich die Zikaden ernähren und auf der die Paarung sowie die Eiablage erfolgen. Gelegentlich ernährt sich die Amerikanische Rebzikade auch von anderen Pflanzen, wenn diese in Nähe von Reben wachsen. Sie wurde z.B. auf folgenden Pflanzenarten gefunden:

  • Selbstkletternde Jungfernrebe (Parthenocissus quinquefolia)
  • Korbweide (Salix viminalis)
  • Pfirsich (Prunus persica)
  • Amerikanische Ulme (Ulmus americana)

Eine Entwicklung vom Ei bis zur erwachsenen Zikade ist jedoch nur an Weinreben möglich.

Verbreitung

Die Amerikanische Rebzikade tritt in Europa in folgenden Ländern auf (Stand 2019): Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Schweiz, Slowenien, Kroatien, Serbien, Österreich, Ungarn, Slowakei, Bosnien und Herzegowina, Montenegro, Rumänien, Bulgarien, Moldawien, Tschechien und in der Ukraine.

In Österreich wurde sie erstmals 2004 in Weingärten der Südoststeiermark festgestellt. Seither wird in einem jährlichen Monitoring die Verbreitung, die Populationsgröße und die Entwicklung der Amerikanischen Rebzikade in den Weinbaugebieten v.a. in Ostösterreich von ExpertInnen der AGES in enger Kooperation mit den Landespflanzenschutzdiensten und Landwirtschaftskammern überwacht, um rechtzeitig notwenige Maßnahmen ergreifen zu können und Schäden zu verhindern. Bislang hat sich die Amerikanische Rebzikade in der Steiermark, dem Burgenland und in Niederösterreich etabliert und tritt regional zum Teil in stark unterschiedlicher Anzahl auf.

2020 wurde das Auftreten der Amerikanischen Rebzikade an 113 Standorten in Österreich überwacht (Wien, Niederösterreich, Burgenland, Steiermark und Kärnten).

Die Monitoring-Erhebungen von 2020 zeigen, dass sich die Amerikanische Rebzikade insgesamt etwas ausgebreitet hat und ihre Anzahl stellenweise angestiegen ist. Von der Ausbreitung betroffen sind in Niederösterreich vor allem grenznahe Standorte im östlichen Carnuntum und nordöstlichen Weinviertel sowie die Südoststeiermark. Erstmals wurden sehr wenige erwachsene Amerikanische Rebzikaden in Weingärten in Kärnten festgestellt.

Ausbreitung und Übertragung

Die erwachsenen Amerikanischen Rebzikaden sind geflügelt und daher in der Lage sich aktiv auszubreiten. Zusätzlich kann eine passive Verbreitung mit Luftströmungen erfolgen.

Wirtschaftliche Bedeutung

Als effektiver Überträger des Flavescence dorée Phytoplasmas spielt die Amerikanische Rebzikade eine zentrale Rolle in der Epidemiologie von Flavescence dorée. Bei gleichzeitigem Auftreten von Flavescence dorée infizieren Rebstöcken und vielen Amerikanischen Rebzikaden, kann es im Weinbaugebiet zur raschen Ausbreitung der Krankheit kommen. Flavescence dorée kann die Weinreben massiv schädigen. Die Folgen sind Ertragsverluste, hohe Produktionskosten durch zusätzlichen Betriebsmitteleinsatz bzw. Kosten für Rodungsmaßnahmen und Neuauspflanzungen. Flavescence dorée hat wegen der negativen Auswirkungen auf den Weinbau in der Europäischen Union den Status einer meldepflichtigen Unionsquarantänekrankheit.

Vorbeugung und Bekämpfung

Um die Ansteckung der Larven mit dem Flavescence dorée Phytoplasma zu unterbinden, ist die Verwendung von geeigneten Pflanzenschutzmitteln ab dem dritten Larvenstadium sinnvoll (Verzeichnis der in Österreich zugelassenen Pflanzenschutzmittel). Dabei ist zu beachten, dass die Larven über mehrere Wochen hinweg schlüpfen. Eine zweite Behandlung zur Erfassung der später geschlüpften Larven kann notwendig sein. Grundsätzlich sollte die Vektorbekämpfung immer auf Basis der Erhebungen aus dem Monitoring und den Empfehlungen des entsprechenden Landespflanzenschutzdienstes sowie der Landwirtschaftskammer erfolgen. Die aktuellen Informationen zum Monitoring der Amerikanischen Rebzikade können über den Rebschutzdienst bzw. insect-watch abgerufen werden.

Im Herbst ist eine genaue visuelle Kontrolle der Reben auf Vergilbungssymptome ganz wichtig. Bei Verdacht wird eine Pflanzenuntersuchung empfohlen, um Verwechslungsmöglichkeiten mit anderen Vergilbungsursachen (z.B.: Stolbur) auszuschließen. Denn nur wenn die Ansteckungsquellen schnell entfernt werden, kann die Ausbreitung der Goldgelben Vergilbung der Rebe verhindert werden.

Phytosanitärer Status

Die Amerikanische Rebzikade ist kein Quarantäneschaderegger. Sie überträgt aber den Erreger der Rebkrankheit „Flavescence dorée“ (Goldgelbe Vergilbung der Rebe), eine meldepflichtige Unionsquarantänekrankheit nach EU-VO 2016/2031.

Fachinformation

Publikationen

Götsch, Dietmar; Strauß, Gudrun; Blümel, Sylvia; (2020); Laboratory trials to reduce egg hatching of the American grapevine leafhopper (Scaphoideus titanus) with selected insecticides; Bulletin of Insectology; Vol. 73 (1) : pp. 53-58; JUN/2020; ISSN: 1721-8861 (Print); 2283-0332 (Online)

Strauss, G. & Reisenzein, H. (2018): First detection of Flavescence dorée phytoplasma  in Phlogotettix cyclops (Hemiptera, Cicadellidae) and considerations on its possible role as vector in Austrian vineyards . Integrated Protection in Viticulture IOBC-WPRS Bulletin Vol. 139, 2018, pp. 12-21

I. Kopacka, R. Steffek, G. Strauß, H. Reisenzein (2017): Modeling spatial and temporal spread of Flavescence dorée in two Austrian vine growing areas. IOBC-WPRS Bulletin Vol. 128, 2017 pp. 66-74

EFSA Panel on Plant Health (PLH), Jeger M, Bragard C, Caffier D, Candresse T, Chatzivassiliou E, Dehnen-Schmutz K, Gilioli G, Jaques Miret JA, MacLeod A, Navajas Navarro M, Niere B, Parnell S, Potting R, Rafoss T, Urek G, Rossi V, Van Bruggen A, Van Der Werf W, West J, Winter S, Bosco D, Foissac X, Strauss G, Hollo G, Mosbach-Schulz O and Gregoire J-C, 2016. Scientific opinion on the risk to plant health of Flavescence doree for the EU territory. EFSA Journal 2016;14(12):4603, 83 pp. doi:10.2903/j.efsa.2016.4603

Strauß, G., Reisenzein, H., Steffek, R., Schwarz, M. (2014): The role of grapevine arbours as overlooked sources of „flavescence dorée” and Scaphoideus titanus in southeastern vinyards of Austria. In: Phytoplasmas and phytoplasma disease management: how to reduce their economic impact, Bertaccini A (ed), IPWG – International Phytoplasmologist Working Group, pp 239-245

Steffek, R., Reisenzein, H., Strauss, G., Leichtfried, T., Hofrichter, J., Kopacka, I., Schwarz, M., Pusterhofer, J., Biedermann, R., Renner, W., Klement, J., Luttenberger, W., Welzl, A.G., Kleissner, A., Alt, R. (2011): VitisCLIM, a project modelling spread and economic impact of Grapevine Flavescence dorée phytoplasma in Austrian viticulture under a climate change scenario. Bulletin of Insectology 64 (supplement), 191-192.

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