West Nil Virus (WNV)

WNV

Zuletzt geändert: 16.12.2020
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Tierseuchenkategorien:

Steckbrief

Das West Nil Virus wird durch Stechmücken (Gelsen) übertragen und gilt als Erreger von West Nil Fieber. Das natürliche Reservoir des West Nil Virus sind Vögel (über 300 Vogelarten). Menschen und andere Säugetiere, insbesondere Pferde, können ebenfalls erkranken. Das Virus kann aber weder von Pferd zu Pferd, noch von Pferd zu Mensch übertragen werden. Mensch und Pferd stellen eine Sackgasse für das Virus dar – sie können zwar erkranken, aber das Virus nicht auf andere Stechmücken übertragen.

Vorkommen

Das West Nil Virus ist endemisch in verschiedenen Regionen wie Afrika, Israel, Westtürkei, Mittleren Osten, Indien, und Nord- und Mittelamerika. In Europa kam es in der Vergangenheit zu saisonalen Ausbrüchen oder Einzelfällen in südeuropäischen Ländern, einigen Ländern Zentraleuropas sowie den Schwarzmeer-Anrainerstaaten.
Auch "einheimischen" Stechmücken-Arten können zur Verbreitung des Virus beitragen.

Wirtstiere

Das natürliche Reservoir des West Nil Virus sind Vögel, insbesondere Zugvögel (vor allem Passeriformes wie Rabenvögel und Sperlinge) und kann über diese über weite Entfernungen verschleppt werden. Greifvögel wie Habichte und Falken erkranken auch an WNV und sind in Zentraleuropa häufig Indikatortiere für eine Viruspräsenz.

Es können verschiedene Säugetiere (Affen, Pferde, Rinder, Ziegen, Schafe, Rotwild, Büffel, Kamelartige, Schweine, Hunde, Wölfe, Füchse, Bären, Katzen, Fledermäuse, Stinktiere, Eichhörnchen, Hasen und andere Nagetiere), Reptilien (Alligatoren, Schlangen), Amphibien sowie der Mensch infiziert werden. Säugetiere, Reptilien und Amphibien spielen als Endwirte keine bedeutende Rolle in der Weiterverbreitung.

Infektionsweg

Das West Nil Virus wird von einer großen Anzahl verschiedener Steckmückenarten übertragen.

Inkubationszeit

Die Inkubationszeit der Krankheit beträgt 2 bis 14 Tage.

Symptomatik

80 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch. 20 % der erkrankten Patienten zeigen eine grippeähnliche Erkrankung, In Einzelfällen (bei 0,7 %) kommt es zur West Nil Meningitis oder Enzephalitis.

Therapie

Die Behandlung von West Nil Fieber bei Mensch und Tieren ist rein symptomatisch, d. h. eine gegen das Virus gerichtete Medikation gibt es nicht.

Vorbeugung

Einen in der Prävention einsetzbaren Impfstoff für den Menschen gibt es nicht. Das Vermeiden von Moskitostichen ist das einfachste Mittel zur vorbeugung von Infektionen. Es gibt mehrere zugelassene Impfstoffe für Pferde. Pferde sind zwei Mal im Abstand von drei bis fünf bzw. vier bis sechs Monaten und danach jährlich zu impfen.

Situation in Österreich

Das Risiko, sich in Österreich anzustecken und an West Nil Fieber zu erkranken, ist derzeit noch sehr gering. Da die Übertragung durch Stechmücken erfolgt, treten West Nil Virus Infektionen in den Sommermonaten auf. In Österreich wurden zwischen 2009 und 2019 insgesamt 49 im Inland erworbene West Nil Virus-Fälle bestätigt. Die wahrscheinlichen Ansteckungsorte sind in Wien, Niederösterreich und im Burgenland zu finden. Es gab bislang keinen Todesfall beim Menschen.

Bei Tieren wurde in Österreich erstmals 2008 klinische WNV-Infektionen bei Greifvögeln nachgewiesen. Seit diesem Zeitpunkt wird Überwachungsprogramm bei Wildvögeln und seit 2011 auch bei Pferden durchgeführt.

Mit dem Gelsen-Monitoring der AGES zur Überwachung von Vektoren (= Überträgern) von humanpathogenen Viren wie z. B. dem West Nil Virus werden an vordefinierten Standorten Stechmücken gesammelt und klassifiziert. Mittels molekularbiologischen Methoden wird gezielt die Durchseuchungsrate der Gelsenbestände mit West Nil Virus und anderen Erregern bestimmt.

Abbildung 1: Anzahl von West Nil Virus-Nachweisen in Österreich, 2010-2019


Legende

    Situation in Europa

    Im EU-Raum wurde seit 1996 von Krankheitsfällen bei Vögeln, Pferden und auch Menschen berichtet. Laut Europäischem Seuchenkontrollzentrum ECDC wurden 2019 410 WNV Humanfälle in der EU und 53 in EU-nahen Ländern wie Serbien, Türkei und Israel gemeldet. Bei Pferden wurden EU-weit 93 ausbrüche gemeldet.

    ECDC: West Nil-Situation in Europa

    Fachinformation

    Humanmedizin

    80 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch. 20 % der erkrankten Patienten zeigen eine grippeähnliche Erkrankung mit plötzlichem, hohem Fieber (= leichtes West Nil Fieber), Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Symptomen, eventuell Schnupfensymptomen, Lymphknotenschwellungen und Hautflecken. Die Inkubationszeit beträgt 2-8 Tage. Innerhalb von 7-10 Tagen erfolgt meist ein Abklingen der wichtigsten Symptome.

    In Einzelfällen (bei 0,7 %) kommt es zur West Nil Meningitis oder Enzephalitis. Neuroinvasive Störungen mit Bewusstseinstrübung, Koordinationsstörungen, Schluckbeschwerden, extreme Müdigkeit und Schwindel kombiniert mit Verhaltens- und Persönlichkeitsänderungen sind typische Anzeichen. Hepatitis, Myokarditis, Nephritis, Pankreatitis und Splenomegalie gekoppelt mit einer langen Rekonvaleszenz sind die Folge (Perelman & Stern 1974, Mathiot et al. 1990, Omalu et al. 2003). Immunschwache Patienten und Personen über 50 Jahre haben ein höheres Risiko, die schwere Form der Krankheit zu entwickeln.

    Im Jahr 2014 wurde West Nil Virus erstmalig bei einer Blutspenderin in Österreich diagnostiziert. 2015 fanden sich acht Fälle, darunter fünf Blutspender [Céline M Gossner CM, Laurence Marrama L, Marianne Carson M, Franz Allerberger F, Paolo Calistri P, Dimitrios Dilaveris D, Sylvie Lecollinet S, Dilys Morgan D, Norbert Nowotny N, Marie-Claire Paty M-C, Danai Pervanidou D, Caterina Rizzo C, Helen Roberts H, Friedrich Schmoll F, Wim Van Bortel W, Andrea Gervelmeyer A. West Nile virus surveillance in Europe: moving towards an integrated animal-human-vector approach. Eurosurveillance, Volume 22, Issue 18, 04 May 2017. Verfügbar über: http://www.eurosurveillance.org/ViewArticle.aspx?ArticleId=22789, abgefragt am 9. Mai 2017]. 

    Veterinärmedizin

    Der Erreger des West-Nil-Fiebers ist das West-Nil-Virus (WNV). Das WNV ist ein behülltes RNA Virus, welches über Mückenstiche der Gattung Culex von infizierten Vögeln auf Menschen und Säugertiere übertragen wird. Sowohl der Mensch, als auch das Pferd stellen als Fehlwirt eine Sackgasse für das Virus dar – sie fungieren daher als Endwirte, können zwar erkranken, aber das Virus nicht auf andere Stechmücken übertragen. Die WNV Stämme werden in Subtypen 1 (WNV-1) und 2 (WNV-2) unterteilt.

    Eine direkte Mensch-Pferd Übertragung ist unwahrscheinlich. Hunde und Katzen zeigen nur geringe Anzeichen für eine Infektion. Es ist kein Fall einer direkten Hund- bzw. Katze-Mensch-Übertragung bekannt. Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist äußerst selten. Übertragungen durch Bluttransfusion, durch Organtransplantation, intrauterine Exposition und Stillen sind möglich.

    Als mögliche Vektoren kommen eine Vielzahl verschiedener Mückenarten in Frage, vor allem die Gattungen Culex, Aedes und Ochlerotatus. In der Gattung Culex sind dies vor allem Culex quinquefasciatus, C. molestus, C. pipiens, C. restuans, C. salinarius und C. tarsalis. Culex pipiens, als Parasit von Vögeln und Mensch, ist einer der möglichen Vektoren in der Übertragungskette vom Tier zum Mensch bzw. Vogel zum Säuger. Das Virus kann in der Stechmücke Culex den Winter überdauern und im Folgejahr im Frühling einen Vermehrungszyklus in der Mücke durchmachen. Nach 10-15 Tagen Inkubation in der Mücke wird das WNV durch Stechen weitergegeben. Die Virustransmission soll auch über direkten Kontakt erfolgen. Die Bedeutung der oralen bzw. fäkalen Übertragung ist noch unbekannt; die Aufnahme des Virus über Aerosole ist ebenfalls in Diskussion.

    Symptomatik bei Vögeln

    Vögel zeigen meist wenige oder keine klinischen Symptome, eventuell werden ZNS-Symptome mit entsprechenden Begleitsymptomen diagnostiziert: Lethargie, Koordinationsschwierigkeiten, Ataxie, Depression, Schiefhals, Opisthotonus und Blutungen in Schnabel- und Kloakenregion. Junge Vögel (1-11 Tage alte Hühnerküken, Gänseküken) zeigen im Gegensatz zu älteren Tieren eine wesentlich stärker ausgeprägte Virämie. Eine hohe Mortalität findet sich bei Krähen und anderen Rabenvögel. Bei toten Vögeln werden häufig Myokarditiden und Enzephalitiden diagnostiziert. Experimentell infizierte Hühner und Truthähne zeigten keine Symptomatik. Symptome bei Gänsen waren Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, depressives Verhalten, Myokarditis und neurologische Störungen. Rhythmische seitwärts gerichtete Kopfbewegungen („seitwärts Pendeln“) waren häufig zu sehen.

    Symptomatik bei Säugetieren

    Pferde haben ein höheres Infektionsrisiko als Menschen, daher treten in einem betroffenen Gebiet klinische Erkrankungen bei Pferden in der Regel früher auf. Die Krankheit verläuft in 90 % der Fälle asymptomatisch. Die klinischen Anzeichen beim Pferd sind oftmals unspezifisch und ähneln jenen anderer v.a. ZNS-Erkrankungen. Häufig sind Symptome wie Fieber, milde Ataxie, Depressionen oder Lethargie, Abstützen des Kopfes, Schwäche der Hinterhand, allgemeine Muskelschwäche, Appetitlosigkeit, Sehstörungen, partielle Lähmungen, Krämpfe und Koma. Bei klinisch erkrankten Pferden verläuft die Infektion bei bis zu 40 % der Tiere letal.

    Bei Hunden und Katzen ist der Verlauf der Krankheit in der Regel symptomlos.

    Bei Schafen treten neurologische Störungen, Ataxie, Fieber sowie Verhaltensstörungen (Zähneknirschen, Depression) auf. Bei Mutterschafen kann es zum Abortus bzw. zur Totgeburt kommen. Der Tod kann auch bei jungen Lämmern kurz nach der Geburt eintreten. Infizierte Mutterschafe können sterben.

    Therapie und Prophylaxe

    Die spezifische Therapie einer WNV Infektion ist derzeit nicht möglich. Klinisch erkrankte Pferde bedürfen einer allgemeinen intensivmedizinischen Betreuung mit symptomatischer Therapie.

    Die beste Therapie ist hier die Vorbeugung einer Infektion. Zur Prophylaxe sind seit 2011 in Österreich zugelassene Impfstoffe gegen das West-Nil-Virus für Pferde verfügbar, die in den USA bereits seit einigen Jahren angewendet werden. Ein Schutz besteht frühestens drei Wochen nach der zweiten Impfung. Neben international startenden Turnierpferden sollten auch Freizeitpferde ausreichend gegen diese gefährliche Krankheit geschützt werden.

    Des Weiteren ist es sehr effektiv, die Pferde vor den Stechmücken zu schützen – oft genügen hierbei schon sehr einfache Maßnahmen:

    • Die Pferde zu bestimmten Zeiten, während die Insekten besonders aktiv sind (Morgen- und Abenddämmerung) von der Weide zu holen und geschützt aufstallen.
    • Einsatz von Mückenrepellentien an den Tieren selbst, die für Pferde geeignet und kommerziell am Markt verfügbar sind.
    • Anbringen von Mückengittern und Insektenschutzlampen im Stall bzw. vermeiden von unnötigen Stallbeleuchtungen am Abend bzw. in der Nacht, da die Mücken vom Licht angezogen werden.

    Es sollte jedes flache und stehende Gewässer auf dem Grundstück vermieden werden. Stehende seichte Pfützen, wie man sie z. B. oft in gebrauchten Reifen, in der Nähe von Misthaufen oder von Entwässerungsanlagen vorfindet, sind ideale Brutstätten für Mücken.

    In einen Pferdestall sollten möglichst keine Vögel eindringen können bzw. im selben Stallraum Hühner gehalten werden, da diese auch eine Infektionsquelle darstellen können.

    Diagnostik

    Als Probenmaterial sind geeignet:

    • Organe (RT-PCR, Histologie, Immunhistochemie, Virusanzucht)
    • Serum (IgG und IgM-ELISA, SNT)
    • Liquor (RT-PCR)

    Für die Untersuchung der Pferdesera wird ein IgG-ELISA, speziell für Flavivirus-Antikörper verwendet, welcher nicht zwischen WNV, Tick borne encephalitis Virus (TBEV/FSME) oder Usutu Virus-Antikörper im Blut differenzieren kann. Im ersten IgG ELISA positiv reagierende Seren werden sodann mit Hilfe eines zweiten WNV-IgM spezifischen ELISA-Tests oder eines spezifischen WNV-Serumneutralisationstests (SNT) auf WNV ausdifferenziert. Werden nur Antikörper gefunden, muss sichergestellt sein, dass es sich nicht um einen Impf-Antikörpertiter handelt (Impfnachweis des Pferdes, WNV Antikörper-Titeranstieg) bzw. ob sich das untersuchte Tier vor der Untersuchung in gefährdeten Gebieten im Ausland (Turniersport) aufgehalten hat. Nur so kann eine autochthone Infektion von Pferden in Österreich mit großer Sicherheit ausgeschlossen bzw. bestätigt werden.
    Letale Fälle von WNV-Enzephalitis werden neben neuropatholohistologischer Untersuchung zusätzlich mit direkten Nachweismethoden (RT-PCR, ggf. Virusisolierung und Immunhistochemie) bestätigt.
    Aus dem Organmaterial gefallener Tiere wird eine WNV- PCR Untersuchung durchgeführt und im positivem Fall mittels Sequenzierung die WNV-Stamm subtypisiert.

    Alle klinischen Formen der Pferdeenzephalomyelitiden sind in Österreich anzeigepflichtig. Differentialdiagnostisch bei den Pferden kommen v. a. Infektionen wie FSME, Infektionen mit Equinem Herpes Virus 1, Bornasche Krankheit, Tollwut usw. in Betracht. Gibt es Hinweise auf das Vorliegen von viral bedingten amerikanischen Equinen Enzephalitiden (Eastern equine encephalitis virus (EEEV), Western equine encephalitis virus (WEEV) oder Venezuelan equine encephalitis Virus (VEEV)) werden die Proben an das Europäische Referenzlabor in Frankreich weitergeleitet. Differenzialdiagnostisch sollten bei Vögeln in erster Linie Aviäre Influenza und Newcastle-Disease Viren und septikämisch verlaufende bakterielle Infektionen in Erwägung gezogen werden.

    Kontakt, Formulare

    Institut für Veterinärmedizinische Untersuchungen Mödling (Referenzlabor)
    Robert Koch-Gasse 17
    2340 Mödling
    Telefon: +43 50 555-38112
    Fax: +43 5 0555-38529
    vetmed.moedlingno@Spam@agesno.Spam.at

    Humandiganostik:

    Nationale Referenzzentrale für Flavivirus-Infektionen beim Menschen
    Department für Virologie, Medizinische Universität Wien
    Kinderspitalgasse 15, 1095 Wien
    Tel: 01 40 160 65517

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