Beobachtungsstudie

caption
Multifaktorieller Einfluss auf die Bienengesundheit: Wetter, Parasiten, Betriebsweise, Krankheiten, Umweltchemikalien, Ernährung.

Ziel dieses Moduls war, an einer Stichprobe von rund 190 über Österreich verteilten Bienenständen durch Feldinspektion Informationen zur klinischen Prävalenz der wichtigsten Bienenkrankheiten zu gewinnen und die Völkerverluste während der Überwinterung 2015/16 zu erfassen. Dazu wurden die entsprechenden Stände insgesamt drei Mal untersucht und beprobt.

caption
Fast 200 Bienenstände in ganz Österreich wurden von unseren Probenehmern besucht um die Bienengesundheit zu erfassen.
caption
Die Bienen jedes Probenvolkes werden sorgfältig auf Anzeichen von Krankheiten und Parasiten untersucht.
caption
Der Probenehmer öffnet eine verdächtige Zelle auf einer Brutwabe und kontrolliert so auf eine eventuell vorliegende Brutkrankheit.
caption
Der Zustand des Volkes und die beobachteten Symptome werden in einem Erhebungsbogen detailliert erfasst.
caption
Die Probenehmerin entnimmt standardmäßig Bienenproben zur Analyse des Varroa-Befalls und verschiedener Krankheiten.
caption
Jedem Probenvolk wird ein Teil des eingelagerten Pollens – genannt Bienenbrot – entnommen. Das Bienenbrot ausgewählter Völker wird nach der Überwinterung auf Pestizidrückstände untersucht werden.

Neben der Höhe des Varroabefalls gehören zu den statistisch signifikanten, den Überwinterungserfolg beeinflussenden Faktoren die Erfahrung des Imkers, das Alter der Königin, sowie die Volksstärke im Herbst. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Volk abstarb war umso höher, je weniger Erfahrung ein Imker hatte, je älter die Königin war und je schwächer ein Volk war.

caption
Alle Proben werden sofort gekühlt, damit die eventuell enthaltenen Krankheitserreger und Pestizide nicht abgebaut werden. In der AGES angekommen, werden alle Proben in einem Tiefkühlraum gelagert.
caption
Bestimmung der Varroabelastung: die Bienen werden abgewogen, um die Anzahl der Bienen im Gefäß zu ermitteln.
caption
Bestimmung der Varroabelastung: die Varroamilben werden ins untere Sieb gewaschen, die Bienen bleiben im oberen Sieb zurück.
caption
Virenanalyse: pro Probe werden 10 Bienen für die Analyse auf Viren abgezählt.
caption
Virenanalyse: nun werden die Bienen homogenisiert, um daraus die Virenkonzentration zu bestimmen.
caption
Pestizidanalyse: die Probe wird für den Versand an das Analyseinstitut hergerichtet.

Amerikanische Faulbrut wurde im Sommer 2015 auf 1,0 %, im Herbst 2015 auf keinem Stand und im Frühjahr 2016 auf 0,5 % der besuchten Stände gefunden. Die entsprechenden Werte auf Volksebene waren 0,2 %, 0,0 % und 0,1 %.

Sackbrutsymptome an der Bienenbrut waren beim ersten, zweiten und dritten Standbesuch bei 1,3 %, 0,2 % und 0,2 % der Völker und auf 7,3 %, 1,6 % und 1,6 % der Stände nachweisbar.

Gleichermaßen wurden Kalkbrutsymptome bei 3,5 %, 0,7 % und 2,0 % der Völker und auf 14,0 %, 4,2 % und 10,4 % der Stände nachgewiesen.

Europäische Faulbrut, Tropilaelapsmilben und der Kleine Bienenstockkäfer wurden nicht gefunden. Symptome der Varroose (Varroamilben auf Bienen sichtbar, Bienen mit verkrüppelten Flügeln, Varroamilben eingebaut in Zelldeckeln) wurden beim ersten und zweiten Standbesuch 2015 auf jeweils rund 22 % der Bienenstände angetroffen, beim dritten Standbesuch im Frühjahr 2016 auf 8,7 % der Stände.

Die Varroamilbe war – mit einer Ausnahme – auf jedem Bienenstand in den beprobten Völkern anzutreffen. Im September gemessene hohe Varroabefallswerte (> 3 % Befall der Bienen) sind prognostisch ungünstig für den Überwinterungserfolg. Hierbei ist zu beachten, dass bei hohem Varroabefall (Krankheitsbild der Varroose) auch mit einem Befall durch das Flügelverkrüppelungs- Virus zu rechnen ist.

Die Ergebnisse der Erhebungen zur Art und Durchführung der Varroabekämpfung zeigen die große Vielfalt eingesetzter Maßnahmen und deren unterschiedliche Anwendungszeitpunkte. Mehrheitlich setzen die Imker kombinierte Maßnahmen zur Varroabekämpfung ein. Bei den nicht-medikamentösen Maßnahmen waren dies die Entnahme verdeckelter Drohnenbrut (knapp 70 % der Betriebe), die totale oder teilweise Brutentnahme (37 %) – zum Teil in Kombination mit einer Oxalsäureanwendung –, und in geringer Anzahl die Wärmebehandlung. Bei den medikamentösen Maßnahmen war Oxalsäure der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff (98 % der Betriebe), gefolgt von Ameisensäure (85 %) und Thymol (23 %). Andere Wirkstoffe wurden nur in Einzelfällen genannt. Die Behandlungskonzepte der ImkerInnen dieses Moduls ähneln den in der COLOSS- Studie in Modul 1 genannten Konzepten stark. Dies lässt darauf schließen, dass beide Studien, die durch unterschiedliche Datenerhebung zustande kamen, die typischen Behandlungskonzepte der österreichischen Imkerschaft abbilden.

Ameisensäure und Thymol kamen am häufigsten im Sommer zur Anwendung. Oxalsäure wurde überwiegend im Winter und in geringerem Umfang auch im Sommer eingesetzt. Auf 82 % der Stände wurde die Oxalsäure durch Träufeln appliziert, auf 36 % der Stände durch Verdampfung und nur selten durch Versprühen oder Vernebeln (7 %). Der Einsatz der Ameisensäure erfolgte entweder als Kurzzeit- oder Langzeitanwendung mit verschiedenen Verdunstungssystemen. Nach Durchführung der Hauptentmilbung mit Ameisensäure-, Oxalsäure- oder Thymolpräparaten gab es beim zweiten Standbesuch im September 2015 keine signifikanten Unterschiede in den Median-werten des Varroabefalls der Bienenproben zwischen diesen Behandlungsgruppen. Somit wurde mit diesen drei eingesetzten Wirkstoffen das Ziel einer starken Absenkung des Varroabefalles vor der Entstehung der Winterbienen erreicht.

Bei einer Langzeitanwendung der Ameisensäure zur Hauptentmilbung hatte die verabreichte Menge einen Einfluss auf den Varroabefall der Bienen im darauffolgenden Herbst. Die Wirksamkeit der Ameisensäure war bei Langzeitbehandlung signifikant besser, wenn über 100 mL pro Volk eingebracht worden waren, verglichen mit einer Menge von unter 100 mL pro Volk. Bei der Kurzzeitanwendung bestand dieser mengenbezogene Unterschied nicht. Es war wichtiger, dass genug Ameisensäure in einem kurzen Zeitraum in das Volk eingebracht wurde. Hier reduzierte sich der Varroabefall der Bienen im Herbst mit steigender Menge der pro Woche eingebrachten Ameisensäure signifikant. Das heißt, um eine entsprechende Wirkung zu erzielen, ist bei Kurzzeitanwendung eine Mindestmenge von 25-50 mL pro Volk und Woche erforderlich.

Posthoc-Studie

Ziel der Posthoc-Studie war es, mit Hilfe retrospektiver Untersuchungen an Probenmaterial (Bienen-, Bienenbrotproben) aus über den Winter abgestorbenen bzw. überlebenden Bienenvölkern kritische Überlebensparameter und Risikofaktoren (Krankheitserreger, Parasiten, mögliche Rückstände bienengefährlicher Wirkstoffe) für Völkerverluste zu identifizieren. Die Grundlage dafür bildeten die im Zuge der Standvisiten an den lebenden Völkern gezogenen Bienen- und Bienenbrotproben des zweiten Standbesuches der Beobachtungsstudie im Herbst 2015, da dieser zeitlich am nächsten zur Einwinterungsperiode lag.

Von 915 Völkern lag sowohl ein vollständiges Probenset (Herbst: Bienenprobe für Varroabe- fallsermittlung, Bienenprobe für Krankheitserreger, Bienenbrotprobe für Rückstandsanalysen; Frühling: Bienenprobe für Krankheitserreger) als auch die Information zur Überwinterungsergeb- nissen vor. Aus diesen 915 Völkern wurden 210 Völker (60 über den Winter abgestorbene und 150 überlebende) für die Posthoc-Studie ausgewählt. Dabei wurden alle 60 toten Völker mit vollständigem Probensatz in die Auswertungen aufgenommen, um ein detailliertes Bild des Gesundheitszustandes der abgestorbenen Völker kurz vor der Einwinterung zu erhalten. Die untersuchte Gruppe von 150 überlebenden Völkern wurde nach der Auswinterung mit Hilfe eines Zufallsgenerators aus den insgesamt 855 überlebenden Völkern mit vollständigem Probensatz ausgewählt.

Die Proben wurden auf Nosemabefall hin untersucht, bei positiven Proben wurde molekular- biologisch zwischen Nosema ceranae und N. apis differenziert.

Für die drei Virusspezies ABPV, CBPV und DWV wurde sowohl eine qualitative als auch eine quantitative Analyse der Proben vom zweiten Besuch durchgeführt. DWV-positive Proben wurden in die beiden Virustypen DWV-A und DWV-B differenziert.

Die rückstandsanalytische Untersuchung des Bienenbrotes umfasste ein breites Spektrum von rund 300 Analyten und ermöglichte die Ermittlung einer allfälligen Exposition der Bienenvölker gegenüber Pflanzenschutzmitteln, Bioziden, Tierarznei- oder Schädlingsbekämpfungsmitteln und Altlasten aus lange zurückliegenden Anwendungen.

Nosema ceranae war die mit Abstand vorherrschende Nosema-Art. Sie war in allen 42 positiven Proben (20 %) vom zweiten Besuch und allen 42 positiven Proben (26 %) vom dritten Besuch vorhanden. N. apis war nur in jeweils einer der Proben vom zweiten und vom dritten Besuch nachweisbar. Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen über den Winter abgestorbenen und erfolgreich überwinterten Völkern im Anteil der Nosema-positiven Proben im vorange- gangenen Herbst (17 % der toten Völker; 21 % der lebenden Völker). Auch in der Sporenmenge pro Biene bestand kein signifikanter Unterschied zwischen toten und lebenden Völkern.

Wie die Virusuntersuchungen der Bienenproben vom Herbst 2015 auf ABPV, CBPV und DWV zeigten, bestanden im Anteil befallener Völker beträchtliche Unterschiede. ABPV war das am häufigsten nachweisbare Virus, gefolgt von DWV und CBPV.

Für ABPV gab es zwischen toten und überlebenden Völkern keine signifikanten Unterschiede im Anteil positiver Proben. Für DWV war der Anteil positiver Proben bei den über den Winter abgestorbenen Völkern signifikant größer als bei den überlebenden Völkern. Für CBPV war bei den überlebenden Völkern der Anteil positiver Proben höher als bei den abgestorbenen. Worauf dieses unerwartete Ergebnis zurückzuführen ist, lässt sich aus den Daten des untersuchten Probenkollektivs nicht ableiten.

Mehrfachinfektionen durch mehr als einen der drei untersuchten Erreger oder Nosema ceranae kamen in 90 der 210 untersuchten Bienenproben vor. Der Anteil der abgestorbenen Völker war bei jedem Pathogen in der Paarung mit DWV am höchsten und in der Paarung mit CBPV am geringsten. Die mit Abstand höchsten Winterverluste (47 %) wurden bei der Paarung von DWV und ABPV erreicht. Dabei starben jene Völker signifikant öfter ab, die eine Doppelinfektion mit ABPV und DWV aufwiesen als jene, die nur mit ABPV infiziert waren.

Bei den Rückstandsuntersuchungen auf chemische Substanzen (Pflanzenschutzmittel, Biozide, Tierarzneimittel, Stoffe aus Altlasten, etc.) an 210 Bienenbrotproben aus Einzelvölkern waren in 42 Proben (20 %) keine Rückstände nachweisbar. In den rückstandspositiven Proben wurden insgesamt 48 Analyten nachgewiesen. Die drei am häufigsten nachgewiesenen Wirkstoffe waren in absteigender Reihenfolge das Fungizid Fludioxonil (62 positive Proben), der Synergist Piperonyl-butoxid (57 positive Proben) und das Insektizid und Akarizid tau-Fluvalinat (43 positive Proben).

Mit Abstand folgten dann die Insektizide Esfenvalerat (22 positive Proben) und Thiacloprid (21 positive Proben). Bei dieser Reihenfolge überrascht, dass Piperonyl-butoxid in 57 Proben nach- gewiesen wurde. Da dieser Stoff zusammen mit Pyrethrum oder Pyrethroiden in Pflanzenschutzmitteln, aber auch in Biozidprodukten eingesetzt wird, stellt er einen Expositionsmarker dar, auch wenn Pyrethrum in keiner Probe und Pyrethroide nur in einer geringen Zahl der untersuchten Proben nachgewiesen werden konnten.

Von den vier unter das EU-Teilverbot für bestimmte Kulturarten und Anwendungsformen fallenden Wirkstoffen waren Clothianidin und Thiamethoxam in keiner Probe nachweisbar, Imidacloprid in sieben und Fipronil in zwei Proben (jeweils eine Probe pro Stand). Damit waren von den 99 untersuchten Ständen 7 (= 7 %) einer Exposition durch Imidacloprid und 2 Stände (= 2 %) einer Exposition durch Fipronil ausgesetzt. Von den Metaboliten dieser Wirkstoffe war der Imidacloprid- Hydroxy-Metabolit in einer Probe nachweisbar und der Imidacloprid-Olefin-Metabolit in drei Proben. An Clothianidin-Metaboliten waren TZMU in 13 Proben und TZNG in einer Probe nachweisbar. Der Fipronilmetabolit Fipronilsulfon war in keiner Probe nachweisbar. Vereinzelt waren im Bienenbrot auch Wirkstoffe nachweisbar, die in der EU nicht oder nicht mehr für Pflanzenschutzzwecke zugelassen sind (Bioallethrin, Biphenyl, Brompropylat, Chlorfenvinphos, DDD, DDT, Dichlofluanid, Permethrin, Propargit, Quinalphos und 4,4-Methoxychlor). Als mögliche Kontaminationsquellen kommen in diesen Fällen andere Einsatzgebiete (z. B. Holzschutz, Parasiten- und Ungezieferbekämpfung) oder Altlasten in Frage.

In einem getesteten multivariaten Modell war im Untersuchungszeitraum der Posthoc-Studie der Bienenbefall mit Varroamilben im Herbst 2015 der Haupteinflussfaktor für die Wintersterblichkeit 2015/16.

Bei der Gesamtinterpretation der Ergebnisse der Posthoc-Studie ist sowohl in Bezug auf die Prävalenzen der untersuchten Krankheitserreger und Parasiten als auch in Bezug auf die ermittelten Rückstände von Pestiziden zu berücksichtigen, dass sich die Daten nur auf die Erhebungsperiode Herbst 2015 beziehen. In der darauf folgenden Überwinterungsperiode wurden die niedrigsten Winterverluste seit Beginn der Datenaufzeichnung 2007/08 registriert. Um Unterschiede zwischen den Jahren zu erfassen, wären über mehrere Jahre laufende Unter- suchungsprogramme erforderlich. Dies gilt auch für die Frage einer Gleichgewichtsverschiebung im Auftreten unterschiedlich virulenter Virusstämme im Verlauf der Jahre bzw. in Abhängigkeit des Varroabefalles und der durchgeführten befallsmindernden Maßnahmen.

Zusammenfassend ergab die Posthoc-Studie im Großen und Ganzen ein positives Bild des Gesundheitszustandes der untersuchten Bienenvölker in Österreich. Die in der Posthoc-Studie vertretenen Völker waren frei von Vergiftungssymptomen und die Mehrzahl auch frei von klinischen Krankheitssymptomen.

In den 210 untersuchten Bienenproben, die im Herbst 2015 entnommen worden waren, war das für Bienen schädliche Flügelverkrüppelungsvirus (DWV) mit deutlich geringerer Häufigkeit nachweisbar als in früheren Erhebungen aus Österreich bzw. europäischen Vergleichsdaten. Da eine Infektion mit dem DWV eng mit dem Auftreten von Varroose – dem Symptombild bei hohem Varroabefall – verknüpft ist, zeigt dieses Ergebnis, dass ein Großteil der Imker und Imkerinnen der Beobachtungsstudie die Varroamilbe im Jahr 2015/16 gut im Griff hatte. Ein weiteres Indiz dafür sind auch die geringen Winterverluste dieser Periode.

Zwischen der Pestizidbelastung des Bienenbrotes der untersuchten Völker im Herbst 2015 und nachfolgenden Winterverlusten bei diesen Völkern konnte kein signifikanter Zusammenhang festgestellt werden. Die Pestizidbelastung lag in den meisten Fällen deutlich unterhalb der bei Vergiftungsverdacht gemessenen Vergleichswerte.

Da sich sowohl in der Posthoc- als auch der Beobachtungsstudie die erfolgreiche Kontrolle der Varroamilbe als ausschlaggebender Faktor für die erfolgreiche Überwinterung der Bienenvölker herauskristallisiert hat, ergibt sich daraus die Möglichkeit, durch gezielte, schwerpunktmäßige Schulungsmaßnahmen Verbesserungen bei der Wirksamkeit der Varroabekämpfung zu erzielen und so Winterverlusten vorzubeugen.

x