Cäsium 137-Belastung von Wildfleisch in Österreich

Downloads
Zuletzt geändert: 07.06.2017
Wildschwein

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 führte zur Freisetzung von großen Mengen von Radionukliden (= radioaktive Stoffe). Die Nachwirkungen sind in Europa immer noch messbar. Für die Strahlenexposition ist in Mitteleuropa allerdings nur noch das langlebige Cäsium(Cs)-137 (Halbwertszeit ca. 30 Jahre) von Bedeutung. Der EU-Grenzwert für radioaktives Cäsium in Lebensmitteln liegt bei 600 Becquerel pro kg.

Unbearbeiteter Waldboden hält Cäsium-137 länger für Pflanzen verfügbar als Ackerflächen. In Acker- und Wiesenflächen wird es durch Regen in tiefere Schichten gespült und auch bei der Bearbeitung der Felder in tiefere Schichten eingearbeitet. Bei landwirtschaftlichen Produkten spielt Cäsium-137 daher keine Rolle mehr. Im Waldboden verbleibt Cäsium-137 in den obersten Schichten und kann so über die Wurzeln aufgenommen werden. In der Folge nehmen Wildtiere, insbesondere Wildschweine, die diese oberste Bodenschicht bei der Nahrungssuche durchwühlen, Cäsium-137 auf.

Mehr Informationen
Wildschwein

Die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl am 26. April 1986 führte zur Freisetzung von großen Mengen von Radionukliden (= radioaktive Stoffe). Die Nachwirkungen sind in Europa immer noch messbar. Für die Strahlenexposition ist in Mitteleuropa allerdings nur noch das langlebige Cäsium(Cs)-137 (Halbwertszeit ca. 30 Jahre) von Bedeutung. Der EU-Grenzwert für radioaktives Cäsium in Lebensmitteln liegt bei 600 Becquerel pro kg.

Unbearbeiteter Waldboden hält Cäsium-137 länger für Pflanzen verfügbar als Ackerflächen. In Acker- und Wiesenflächen wird es durch Regen in tiefere Schichten gespült und auch bei der Bearbeitung der Felder in tiefere Schichten eingearbeitet. Bei landwirtschaftlichen Produkten spielt Cäsium-137 daher keine Rolle mehr. Im Waldboden verbleibt Cäsium-137 in den obersten Schichten und kann so über die Wurzeln aufgenommen werden. In der Folge nehmen Wildtiere, insbesondere Wildschweine, die diese oberste Bodenschicht bei der Nahrungssuche durchwühlen, Cäsium-137 auf.

Mehr Informationen

Umwelt

Auch 30 Jahre nach Tschernobyl erhebliche Cäsium-137-Aktivitätskonzentrationen im Waldökosystem

Im Projekt „Radioökologische Evaluierung der Radionuklidkontamination in Waldökosystemen 30 Jahre nach Tschernobyl“, das AGES und Universität für Bodenkultur im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft (BMLFUW) durchgeführt haben, wurden die Nachwirkungen der Reaktorkatastrophe auf große Waldgebiete in Österreich (Kobernaußer Wald, Dunkelsteiner Wald, Weinsberger Wald) und Bayern untersucht. Diese Waldgebiete wurden gewählt, weil der Boden überwiegend unberührt ist und sich Tiere darin weitgehend natürlich ernähren und keine nennenswerte Zufütterung stattfindet. Auf Cäsium-137 untersucht wurden 39 Wildschwein-, 15 Beeren-, 11 Pilz-, 104 Bodenproben sowie 104 Bewuchsproben (z. B. Moos, Farn).
 
Die Messergebnisse zeigen, dass auch 30 Jahre nach Tschernobyl noch immer erhebliche Cäsium-137-Aktivitätskonzentrationen im Waldökosystem zu finden sind. Das Cäsium-137 befindet sich noch immer vor allem in den obersten Schichten der Böden. Während bei den untersuchten Beeren und Pilzen nur bei je einer Probe eine geringe Überschreitung des Grenzwertes von 600 Bq/kg festgestellt wurde, kann es bei Wildschweinfleisch noch immer zu einer 7-fachen Überschreitung kommen (der Maximalwert lag bei 4.710 Bq/kg). Zudem wurde bei fast allen Wildschweinproben (15 von 16 Proben) aus den wegen der hohen Aktivitätskonzentrationen im Boden ausgewählten Waldgebieten in Österreich eine Überschreitung festgestellt. Der höchste wie auch der niedrigste Cäsium-137-Wert in Wildschweinfleisch, der in Österreich in diesem Projekt bestimmt wurde, stammt dabei aus demselben Waldgebiet (Dunkelsteiner Wald). Dies verdeutlicht, dass neben dem Cäsium-137-Gehalt im Waldboden das Ernährungsverhalten der Tiere eine wichtige Rolle spielt. Bei den gemessenen Beeren und Pilzen wurde nur bei einer Probe eine geringe Überschreitung des Grenzwertes von 600 Bq/kg festgestellt.

Schwerpunktuntersuchung 2008

In den Jahren 2007 und 2008 wurde das Projekt „Erhebung der radioaktiven Belastung von Wildbret“ im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit durchgeführt. Es wurden dabei Proben von Wild aus dem natürlichen Lebensraum untersucht. Dieses Wild wurde nicht - wie bei Wild aus Gatterhaltung üblich - gefüttert. Durch dieses Projekt konnten schon wertvolle Daten über das Auftreten erhöhter Cs-137 Aktivitätskonzentrationen in Wildbret aus bestimmten Gegenden gesammelt werden.

490 Proben (43 Gamswild, 14 Mufflon, 217 Rehe, 107 Rotwild, 7 Sikawild, 79 Wildschwein, 1 Fasan, 16 Feldhasen, 1 Steinwild und 5 Wildkaninchen) wurden untersucht, der Maximalwert wurde bei einem Wildschwein festgestellt und lag bei 5800 Bq/kg. Von den 490 untersuchten Proben lagen die Cäsiumwerte von 8 Wildschwein- und 11 Rehproben über dem Grenzwert, 96 % der Proben lagen jedoch unter dem Grenzwert, der überwiegende Teil weit darunter.

Lebensmittel

Wildfleisch im Handel kaum belastet

Die AGES misst routinemäßig die Strahlenbelastung verschiedener Wildfleischsorten (darunter auch Wildschwein). Die Proben kommen von Schlachthöfen aus ganz Österreich. Im Rahmen dieser Rückstandskontrolle wurden seit 2004 knapp 1.000 Wildfleisch-Proben auf ihren Cäsium-137 Gehalt untersucht, darunter 134 Wildschweine. Von diesen Proben aus verschiedensten Wildarten wurde bei insgesamt sechs Proben eine Grenzwertüberschreitung festgestellt, der höchste Wert lag dabei bei 1.975 Bq/kg, bei über 90 % der Wildproben lag der Wert unter 100 Bq/kg.

Untersuchung von Wildfleisch auf Cäsium 137
ProbenzahlMinimumMaximumMedian
Österreich97201.9743,74
Wien270,6640,451,01
Niederösterreich264<0,54356,71,54
Oberösterreich219<0,651.9744,66
Burgenland58<0,84921,31,98
Steiermark189<0,75531,68,68
Kärnten770,49364,412,11
Tirol610,83201,123,18
Vorarlberg161,6591,283,19
Salzburg60<1,31.11742,67


Zusätzlich zu diesem Routinemonitoring von Wildfleisch wurden auch Schwerpunktprojekte zum Thema Radioaktivität in Wildbeeren und -pilzen durchgeführt:

Radioaktivität in heimischen Wildpilzen

Schwerpunkt Wildschwein im Handel

Im Jahr 2012 wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit ein Projekt durchgeführt, bei dem der Fokus auf die Erfassung der Ingestionsdosis (Dosis durch die Aufnahme von Radioaktivität mit der Nahrung) der österreichischen Bevölkerung gelegt wurde. Die Proben stammen aus einem österreichischen Unternehmen, das die großen Handelsketten beliefert. Dieses Unternehmen ist einer der Hauptlieferanten für Österreich und bezieht sein Wildschweinfleisch hauptsächlich aus Niederösterreich und Burgenland, teilweise aber auch aus der Steiermark und Oberösterreich.

Insgesamt wurden 227 Proben untersucht. Davon stammten 156 Proben aus Niederösterreich, 60 Proben aus dem Burgenland, 9 Proben aus der Steiermark und 2 Proben aus Oberösterreich. 80 Proben wurden von weiblichen Wildschweinen genommen und 147 von männlichen. 170 Proben kamen von erwachsenen (älter als 2 Jahre) und 57 von jungen (1 bis 2 Jahre) Wildschweinen. Von Frischlingen wurden keine Proben gezogen.

Der Höchstwert von 408 ± 27 Bq/kg stammt von einem weiblichen erwachsenen Wildschwein aus dem Bezirk Gmünd. Alle Werte waren unter dem Grenzwert von 600 Bq/kg der in der Verordnung (EG) Nr. 733/2008 des Rates vom 15. Juli 2008 über die Einfuhrbedingungen für landwirtschaftliche Erzeugnisse mit Ursprung in Drittländern nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl, festgelegt ist. Der Verzehr von üblichen Mengen dieses Fleisches stellt somit keine signifikante Erhöhung der Ingestionsdosis dar.

Geringes Risiko

Geringes Risiko durch Radioaktivität in Wildfleisch

caption
Durchschnittliche Strahlenbelastung der Bevölkerung pro Jahr

Die Auswirkungen von Tschernobyl tragen nur zu einem sehr geringen Anteil zur durchschnittlichen Strahlenbelastung der Bevölkerung in Österreich bei (siehe Grafik oben).

Das Maß für das Risiko aus der Belastung durch Radioaktivität ist die Dosis, angegeben in milli-Sievert (mSv). Verzehrt man 10 Portionen Wildschweinfleisch (1 Portion = 250 g) pro Jahr vom maximal belasteten Wildschwein (4.710 Bq/kg) aus dem aktuellen Projekt „Radioökologische Evaluierung der Radionuklidkontamination in Waldökosystemen 30 Jahre nach Tschernobyl“,  so beträgt die aufgenommene Dosis dadurch 0,15 mSv pro Jahr. Das entspricht in etwa der Hälfte der Jahresdosis, die man durch die Aufnahme von natürlichen Radionukliden mit der Nahrung (0,3 bis 0,4 mSv pro Jahr) zu sich nimmt.

Zum Vergleich: Ein Transatlantikflug oder eine Lungenröntgenaufnahme entspricht einer Dosis von ca. 0,05 – 0,09 mSv, eine Mammografieuntersuchung ca. 0,2 bis 0,3 mSv. Die natürliche Strahlenbelastung in Österreich beträgt ca. 2 bis 3 mSv pro Jahr; die gesamte jährliche Strahlendosis eines/r Durchschnittsösterreichers/in beträgt rund 4,2 mSv.

Grundsätzlich sollte jede Strahlenbelastung so gering wie möglich gehalten werden. Die Strahlenexposition durch den Verzehr von Wildfleisch lässt sich durch das individuelle Ernährungsverhalten reduzieren. Wer für sich persönlich die Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, kann deshalb auf den Verzehr von vergleichsweise hoch kontaminiertem Wildbret verzichten.


x