Weizenverzwergungsvirus

Wheat dwarf virus (WDV)

Zuletzt geändert: 04.08.2021
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Tierseuchenkategorien:

Steckbrief

Das Weizenverzwergungsvirus zählt zur Gruppe der Geminiviridae und wird von der Wander-Sandzirpe übertragen. Bei Befall mit dem Virus kommt es zu fleckigen Aufhellungen der Blätter sowie einer starken Verzwergung der gesamten Pflanze, welche ausbleibende Ernteerträge mit sich bringt. Zu den Wirtspflanzen zählen sowohl Winter- als auch Sommergetreidesorten, aber auch diverse Gräser.

Biologie

Das Weizenverzwergungsvirus (WDV) zählt zur Gruppe der Geminiviridae. Früher wurde es in zwei Stämme unterteilt, die nach ihren Wirtspflanzen als „barley-strain“ beziehungsweise als „wheat-strain“ bezeichnet wurden. In der neueren Literatur werden diese Stämme als zwei separate Viren, das Wheat dwarf virus (WDV, Weizenverzwergungsvirus) und das Barley dwarf virus (BDV, Gerstenverzwergungsvirus), angesehen. Daneben gibt es noch das an Hafer vorkommende Oat dwarf virus (ODV, Haferverzwergungsvirus). Im weiteren Verlauf werden die drei Viren jedoch unter WDV zusammengefasst.

Schadsymptome

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Schadbild im Weizenfeld
deutliche Verzwergung sowie Aufhellung von Weizen nach Befall mit dem Weizenverzwergungsvirus

Durch das WDV befallene Pflanzen zeigen als erstes Symptom streifige bis fleckige Aufhellungen auf den Blättern, die später auch vergilben. Wintergerste beispielsweise reagiert nach einer frühen Infektion mit einer starken Verzwergung und einer stärkeren Bestockung. Auch das Schossen und die Ährenbildung finden zumeist nicht statt, wodurch der Ernteertrag verloren geht. Meist sind auch die Wurzeln befallener Pflanzen schwach entwickelt.

Eine Abgrenzung zum Gerstengelbverzwergungsvirus (Barley yellow dwarf virus – BYDV) ist anhand der Symptomausprägung nicht möglich. Hier kann nur durch eine Laboruntersuchung Sicherheit gewonnen werden.

Wirtspflanzen

Von den ackerbaulich relevanten Kulturen werden vor allem Wintergerste, Winterweizen, Triticale und Hafer sowie Sommergetreide befallen. Aber auch einige Gräser wie der Sand-Hafer oder Rau-Hafer (Avena strigosa), die Roggen-Trespe (Bromus secalinus), das Samtgras (Lagurus ovatus), das Italienisches Weidelgras (Lolium multiflorum), das Deutsche Weidelgras (Lolium perenne), der Lein-Lolch (Lolium remotum), der Taumel-Lolch (Lolium temulentum) oder die Einjährige Rispe (Poa annua) können infiziert werden.

Es gibt jedoch auch Gräser, die nicht anfällig für diese Art der Viruserkrankung sind wie die Unbegrannte Trespe (Bromus inermis), die Weiche Trespe (Bromus mollis), das Wiesen-Knäuelgras (Dactylis glomerata), die Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli), die Gemeine Quecke (Agropyron repens), der Wiesen-Schwingel (Festuca pratensis), das Wiesen-Rispengras (Poa pratensis), das Lieschgras (Phleum pratense), das Rote Kanariengras (Phalaris arundinacea), die Kolbenhirse (Setaria italica) oder die Grüne Borstenhirse (Setaria viridis).

In Versuchen mit Mais zeigte sich, dass zwar eine einzige Inzuchtlinie infiziert werden konnte, doch ist bisher aus der Anbaupraxis noch kein natürlicher Befall an einer Maissorte bekannt.

Verbreitung

Das WDV ist mehr oder weniger stark in Europa, Nordamerika, Kanada und China verbreitet.

Zum ersten Mal konnte das Wheat dwarf virus (WDV) 1961 in der damaligen Tschechoslowakei an Weizen (Triticum aestivum) nachgewiesen werden. Weitere Funde sind aus Schweden (Lindsten, 1980) und Frankreich (Vacher et al., 1991) bekannt. In der Vegetationsperiode 1993 und 1994 wurde das WDV in Deutschland (Sachsen-Anhalt) verstärkt an Wintergerste festgestellt (Habekuß, 2003). In Österreich wurde das Virus erstmals 2004 (Plank, 2004) nachgewiesen.

Ausbreitung und Übertragung

Die Übertragung des Virus erfolgt durch die Zwergzikade Psammotettix alienus (Wander-Sandzirpe) in persistenter Weise. Persistent bedeutet dabei, dass nach der Aufnahme des Virus ein gewisser Zeitraum (im Falle des WDV 24 bis 72 Stunden) verstreicht, bis das Virus wieder abgegeben werden kann. Der Vektor (die Zikade) bleibt dafür aber zeitlebens infektiös, wobei das Virus nicht an die Nachkommen weitergegeben werden kann. Sticht eine infizierte Zikade beispielsweise eine Weizenpflanze an, so dauert es nur wenige Minuten bis das Virus übertragen ist. Alle Larvenstadien können ebenso wie das adulte Insekt das Virus aufnehmen und weitergeben, doch sind bei der Übertragung die jungen Larven am effektivsten.

Dauerhafte Infektionsquellen sind einige Gräserarten wie beispielsweise die Einjährige Rispe (Poa annua), das Weidelgras (Lolium perenne), der Taumel-Lolch (Lolium temulentum) oder die Roggen-Trespe (Bromus secalinus). Daneben spielen aber auch Ausfallgetreide und bereits infizierte Getreidepflanzen eine große Rolle.

Durch die hohe Mobilität der Zikaden, können sich die Infektionen in einem Bestand rasch ausbreiten. Eine mechanische Übertragung des WDV kann allerdings ausgeschlossen werden, ebenso wie eine Übertragung durch Kontakt von Pflanze zu Pflanze. Das Virus ist nicht samenbürtig und kann somit nicht über den Samen übertragen werden.

Vektor

Die Wander-Sandzirpe (Psammotettix alienus) bildet bei uns in der Regel zwei Generationen aus. Nur in witterungsmäßig sehr günstigen Jahren und an warmen Standorten kann sich auch noch eine dritte Generation dieser Zwergzikade entwickeln.

Die Überwinterung erfolgt als Ei, wobei der Kurztag zum Herbst hin die Eiruhe (Dormanz) induziert. Die Eier sind nicht mit dem Virus infiziert. Die ersten Larven der Zikaden schlüpfen ca. Ende April und entwickeln sich über vier weitere Larvenstadien (L1 bis L5) bis hin zu den erwachsenen Tieren (=Imagines). Alle diese Stadien können bei ihrer Saugtätigkeit das Virus aufnehmen und dann weiterverbreiten.

Je nach Witterung erscheinen die adulten Tiere der ersten Generation von Mitte Mai bis Mitte Juni. Die Larven der zweiten Generation findet man dann etwa ab Ende Juni oder Anfang Juli. Gegen Ende Juli erscheinen dann die Imagines der zweiten Generation. Aktiv sind die Tiere auch noch bei Temperaturen zwischen 10 und 15°C und sie können in dieser Zeit weiterhin neue Pflanzen infizieren. Die kältetoleranteren Weibchen sterben erst bei Temperaturen von unter -5°C ab, die weniger widerstandsfähigen Männchen hingegen deutlich eher.

Wirtschaftliche Bedeutung

Durch die zunehmend wärmer werdende Herbstwitterung gewinnt das Weizenverzwergungsvirus auch an wirtschaftlicher Bedeutung. Besonders bei früh gesäten Beständen können die Ertragsverluste je nach Zeitpunkt der Infektion bis zu 100 % (Umbruch) betragen.

Vorbeugung und Bekämpfung

Derzeit sind nur ackerbauliche Maßnahmen zur Eindämmung dieser Krankheit möglich:

  • möglichst späte Aussaat beim Wintergetreide
  • mögliche frühe Aussaat beim Sommergetreide
  • frühzeitige und konsequente Elimination von Ausfallgetreide

Fachinformation

Seit 2019 führen wir in Kooperation mit den Landwirtschaftskammern ein Getreidevirosen Monitoring durch. Interessiere Landwirtinnen und Ladwirte können sich auf www.warndienst.at einen Überblick über die Virussituation in ihrer Region machen und gegebenenfalls den Anbauzeitpunkt nach hinten verschieben.

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