Kirschessigfliege

Drosophila suzukii

Zuletzt geändert: 30.06.2021
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Tierseuchenkategorien:

Steckbrief

Die Kirschessigfliege ist ein aus Asien stammender Schaderreger mit großer Bedeutung für den Obst- und Weinbau. Durch die Fraßtätigkeit der Larven werden die heranreifenden Früchte zerstört und dadurch sind hohe Ertragsverluste möglich.

Aussehen

Die Kirschessigfliege gehört zur Familie der Essig- und Taufliegen (Drosophilidae) und wird fälschlicherweise als Fruchtfliege bezeichnet. Die erwachsenen Fliegen sind ca. 2 - 3 mm groß, hellbraun gefärbt, besitzen rote Augen und gefiederte Fühler. Die Männchen haben einen auffälligen schwarzen Fleck auf den durchsichtigen Flügeln, der bei noch nicht vollständig ausgehärteten Tieren aber noch nicht deutlich zu sehen ist, und auf den Vorderbeinen zwei Borstenkämme. Die Weibchen besitzen einen charakteristischen stark gezähnten Legebohrer.

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Kirschessigfliege, Männchen
Männliche Kirschessigfliege mit je einem auffälligen schwarzen Fleck auf den durchsichtigen Flügeln
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Borstenkämme auf Vorderbeinen bei Kirschessigfliegen-Männchen
Detailaufnahme der Vorderbeine und des Kopfes
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Legebohrer von Kirschessigfliegen-Weibchen
Detailaufnahme des Legebohrers am Hinterleib

Die Larven sind weiße, beinlose Fliegenmaden mit schwarzen Mundhaken.

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Ei bzw. Atemfäden vom Ei der Kirschessigfliege
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Larve der Kirschessigfliege
Larve der Kirschessigfliege
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Puppe der Kirschessigfliege
Puppe der Kirschessigfliege

Biologie

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Kirschessigfliegen-Weibchen bei der Eiablage
Kirschessigfliege auf einer Frucht bei der Eiablage

Im Gegensatz zu den anderen Vertretern der Essigfliegen sucht die Kirschessigfliege nicht gärendes, faulendes Obst auf, sondern befällt bevorzugt gesunde, heranreifende Früchte. Die Weibchen können mit ihrem gezähnten Eiablageapparat die Früchte aufritzen und die Eier in die Frucht hineinlegen, wo sich dann die Fliegenlarven (Maden) vom Fruchtfleisch ernähren. Die Verpuppung erfolgt in der Frucht oder im Boden.

Bei optimalen Bedingungen (Temperatur um +25°C) kann die Entwicklung vom Ei bis zur adulten Fliege in ca. acht Tagen abgeschlossen sein, wodurch bis zu 15 Generationen pro Jahr gebildet werden können, bei kühleren Temperaturen dauert die Entwicklung entsprechend länger. Die adulte Fliege überwintert an geschützten Orten, bei Temperaturen über +10°C kann sie auch aktiv bleiben.

In Österreich ist aufgrund der vorliegenden Temperaturen wahrscheinlich mit fünf bis sieben Generationen pro Jahr zu rechnen.

Die langjährigen Beobachtungen zeigten, dass adulte Kirschessigfliegen das ganze Jahr über vorkommen. Im Winter bis in den Frühsommer treten nur wenige Fliegen auf, ab dem Sommer (meist ab Juli) nimmt die Individuenzahl deutlich zu und im Herbst (September/Oktober) wird der Höhepunkt erreicht. Die Vermehrungsrate bzw. Zunahme der Individuen ist hauptsächlich von den klimatischen Verhältnissen, aber auch von der Verfügbarkeit der Wirtspflanzen abhängig. Feuchtere, warme Verhältnisse und das Vorhandensein entsprechender Wirtspflanzen kann innerhalb kürzester Zeit zu starkem Auftreten bis zur Massenvermehrung führen. Hingegen wirkt sich trockene und heiße Witterung (Temperaturen über + 30°C) ungünstig auf ihre Entwicklung aus und eine niedrigere Individuenzahl ist die Folge.

Schadsymptome

Die Kirschessigfliegen befallen heranreifende, weichschalige Früchte. Befallene Früchte zeigen kleine loch- und stichartige Beschädigungen und eingedrückte, weiche Flecken auf der Oberfläche.
Innerhalb der Früchte sind die Larven zu finden, die das Fruchtfleisch fressen.
Zusätzlich können Sekundärinfektionen durch Pilze oder Bakterien entstehen. Der Schaden ist anhand faulender Früchte erkennbar.

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Kirschessigfliege
Kirschessigfliege
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Kirschessigfliegen-Larven in Himbeere
Zwei Larven der Kirschessigfliege in einer Himbeere
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Befallene Frucht mit Puppe der Kirschessigfliege
Puppe einer Kirschessigfliege auf einer geschädigten dunkelroten Kirsche

Wirtspflanzen

Die Kirschessigfliege kann eine Vielzahl an Wirtspflanzen nutzen. Sie befällt alle weichschaligen Wild- und Kulturobstarten, bevorzugt Süßkirschen, aber auch Pfirsiche, Nektarinen, Marillen und Pflaumen (Prunus spp.), Heidelbeeren (Vaccinium spp.), Himbeeren und Brombeeren (Rubus spp.), Johannis- und Stachelbeeren (Ribes spp.) und Erdbeeren (Fragaria ananassa).
Weitere mögliche Wirtspflanzen sind unter anderem winterharte Kiwis (Actinidia sp.), Holunder (Sambucus sp.), Maulbeeren (Morus sp.), Hartriegel (Cornus spp.), Kakis (Diospyros kaki), Feigen (Ficus carica), Tafel- und Weintrauben (Vitis vinifera), Tomaten (Solanum lycopersicum) und Melonen (Curcubitaceae).
Zusätzlich können bereits beschädigte Früchte, wie z.B. Äpfel (Malus domestica) und Nashi-Birnen (Pyrus pyrifolia) von Kirschessigfliegen befallen werden.

Verbreitung

Die ursprüngliche Heimat der Kirschessigfliege ist der asiatische Raum. Erst um 2008/2009 wurde ein Auftreten in Nordamerika (Ost- und Westküste) und Kanada sowie in Europa (Spanien, Frankreich, Korsika, Italien, Slowenien) und im Jahr 2011 auch in der Schweiz, Österreich und Deutschland festgestellt. Seither erfolgte eine sehr rasche Verbreitung in Europa, Nordamerika und auch im Süden Südamerikas.

Ausbreitung und Übertragung

Eine lokale Ausbreitung über kurze Distanzen (einige km) ist durch den Flug der mobilen Fliegen selbst möglich. Eine Verbreitung über große Entfernungen erfolgt hauptsächlich durch den Transport befallener Früchte (Handel).

Wirtschaftliche Bedeutung

Da der Populationshöhepunkt der Kirschessigfliegen im Spätsommer und Herbst liegt, besteht vor allem für spätere Kulturen ein erhöhtes Risiko.

Die Kirschessigfliege kann an betroffenen Kulturen bis zu 80% Ertragsverlust und sogar Totalausfall verursachen.

Erwähnenswert sind auch die hohen Zusatzkosten für die entsprechenden Gegenmaßnahmen mit dem damit verbundenen Personalaufwand, die für einen ausreichenden Schutz der Kulturen erforderlich sind.

Vorbeugung und Bekämpfung

Grundsätzlich gilt für die Bekämpfung der Kirschessigfliege, dass nur die Kombination aus allen verfügbaren Maßnahmen zu einem Erfolg führen und dadurch großer Schaden vermieden bzw. zumindest reduziert werden kann.

Vorbeugende Maßnahmen:

  • Hygienemaßnahmen:

    • regelmäßige Entfernung von reifen und überreifen Früchten aus der Obstanlage oder Obstgarten
    • vollständige Ernte, auch von Früchten, die nicht vermarktet werden, bzw. gründliche Entfernung von Restfrüchten nach der Ernte (Nacherntemaßnahmen)
    • auf niedrigen Grasbestand (Begrünung) achten
    • keine Kompostierung der Früchte, da hier ein Überleben der Fliegen möglich ist
    • Abtötung von Eiern und Larven in den Restfrüchten, zum Beispiel mittels Solarisation (Früchte werden luftdicht verpackt, z.B. mittels Folienabdeckung, und intensiver Sonnenstrahlung ausgesetzt) oder mittels tiefer Temperaturen (z.B. Gefriertruhe).
    • Einhalten der Kühlkette, Kühllagerung der Früchte (sofort nach Ernte)

  • Monitoring: zur Feststellung des Auftretens von Kirschessigfliegen bzw. Kirschessigfliegen-Befall:

    • von Eiablage an Früchten: visuelle Kontrolle (mit Lupe/Mikroskop) von Früchten nach Eiern bzw. Atemfäden, die aus Früchten herausragen.
    • von Larven in Früchten: Öffnen der Früchte und visuelle Kontrolle (mit Lupe/Mikroskop) oder mit Wasser- oder Salzwassermethode. Die Früchte werden entweder in Wasser (für zwei Stunden) oder in eine 10%ige Salzwasserlösung (für eine Stunde) gelegt und auf das Auswandern potentiell vorhandener Larven geprüft.
    • von adulten Kirschessigfliegen: mit Fallen und Lockflüssigkeit
      Es gibt eine Vielzahl an Fallen und Fang-/Lockflüssigkeiten, die verwendet werden können - jeweils mit Vor- und Nachteilen. Diese sind entweder kommerziell erhältlich oder können selbst hergestellt werden. Folgende Kriterien sollten aber erfüllt werden, um gute Fangergebnisse zu erzielen:

      • Die Falle besteht aus einem Gefäß (z.B. Becher, Flasche) mit vielen, kleinen Öffnungen (Ø = ca. 2 mm) (nicht größer wegen Beifang!)
      • Verwendung einer geeigneten Fangflüssigkeit, z.B. Apfelessig – der Zusatz von Rotwein und/oder Hefe erhöht die Wirkung
      • Positionierung der Fallen im Schatten

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In Österreich entwickelte Falle für das Monitoring der Kirschessigfliegen
Eine grüne 1,5 Liter Plastikflasche mit kleinen Öffnungen im oberen Bereich, die mit einer Lockflüssigkeit (300 ml) gefüllt ist und als Kirschessigfliegen-Falle dient

Die Anzahl und Anordnung der Fallen ist vom Verwendungszweck abhängig. Beim Kirschessigfliegen-Monitoring in Österreich wurden pro Standort zwei Fallen eingesetzt.

Gezielte Maßnahmen:

  • Einnetzen von Pflanzen bzw. Kulturen: eine sehr effektive Maßnahme gegen Schäden von Kirschessigfliegen ist der Schutz von Kulturen mittels Netzen. Hier gibt es die verschiedensten Möglichkeiten, entweder nur Pflanzenteile, einzelne Kulturpflanzen (z.B. Bäume) oder die gesamte Anlage einzunetzen, wie z.B. seitliche Einnetzungen, Teileinnetzungen oder Volleinnetzungen. Wichtig ist aber auf eine rechtzeitige, lückenlose und vollständige Einnetzung zu achten, wobei feinmaschige Netze mit einer Maschenweite von 0,8 mm bis 1,0 (-1,2) mm zu verwenden sind, um Kirschessigfliegen abzuhalten. Weiterführende Informationen sind dem Projekt des Julius Kühn-Instituts „Demonstrationsvorhaben: Einnetzen von Obstkulturen zum Schutz gegen die Kirschessigfliege" zu entnehmen.
  • Massenfang mit Fallen: beim Massenfang werden die Fallen vor dem Auftreten der Kirschessigfliegen bzw. vor dem Reifebeginn der Früchte ausgebracht, um die einwandernden Fliegen abzufangen. Es wird empfohlen, die Fallen im Abstand von 2 m rund um die Anlage herum zu platzieren, zusätzlich befindet sich noch eine Falle in der Mitte der Anlage als Kontrolle.
  • Chemische Bekämpfung: mit in Österreich zugelassenen Pflanzenschutzmitteln – siehe auch Notfallzulassungen, die jedes Jahr neu für bestimmte Kulturen und begrenztem Zeitraum zur Verfügung stehen können.

Forschung

Es wird immer noch an wirksameren Lösungen zur Bekämpfung der Kirschessigfliege gearbeitet. So ist der Einsatz von natürlichen Gegenspielern (z.B. parasitierende Schlupfwespen) ein großes Ziel, aber auch die Verwendung von effizienteren und spezifischen Fangflüssigkeiten, Repellentstoffen, Gesteinsmehlen, … und vielen anderen Möglichkeiten.

Phytosanitärer Status

Die Kirschessigfliege ist nicht als Quarantäneschadorganismus angeführt.

Fachinformation

Publikationen

Lethmayer, C. (2012): Aktuelle Situation in Österreich: Weiterhin nur Einzelfunde der Kirschessigfliege. – Besseres Obst 10-11, 4-5.

Simoni, S., Baufeld P., Northing P., Bell, H., Gargani, E., Cuthbertson, A., Lethmayer, C., Egartner, A., Bluemel, S., Kehrli, P., Anfora, G., Grassi, A., Baroffio, C., Masci, A., Linder, C. & Ioriatti, C. (2013): DROSKII: a transnational attempt for insight on the damage potential of Drosophila suzukii and on the development of risk management and control measures. – IOBC-WPRS Bulletin 91, 323-326.

Lethmayer, C. & Egartner, A. (2014): Die Kirschessigfliege entdeckt auch Österreich für sich. – Besseres Obst 4, 4-6.

Lethmayer, C., Egartner, A. & Blümel, S. (2015): Evaluation of different trap types for catching the spotted wing drosophila (Drosophila suzukii). - IOBC-WPRS Bulletin Vol. 109, 187-193.

Lethmayer, C. & Egartner, A. (2015): Explosionsartige Vermehrung der Kirschessigfliegen. - Besseres Obst 1, 6-7.

Lethmayer, C. & Egartner, A. (2016): Kirschessigfliege: Welche Falle eignet sich am besten? - Besseres Obst 2, 14-16.

Lethmayer, C. & Egartner, A. (2017): Enhancement of Drosophila suzukii trapping. – IOBC-WPRS Bulletin Vol. 123, 143-149.

Lethmayer, C. & Egartner, A. (2017): Die Kirschessigfliege ist leider kein regionales Problem mehr. - Besseres Obst 3, 16-18.

Lethmayer, C., Wernicke, M. & Blümel, S. (2019): Laboratory choice trials to identify repellent substances against Drosophila suzukii. – IOBC-WPRS Bulletin Vol. 144, 8-15.

Wernicke, M., Lethmayer, C. & Blümel, S. (2020): Laboratory trials to investigate potential repellent/oviposition deterrent effects of selected substances on Drosophila suzukii adults. – Bulletin of Insectology 73 (2), 249-255.

AGES-Monitoring-Aktivitäten

In Österreich gab es 2011 die ersten Meldungen über ein Auftreten der Kirschessigfliege. Ab dem Jahr 2012 wurde daher ein bundesweites Monitoring mit Lockstoff-Fallen an ausgewählten Standorten in Obst- und Weingärten durchgeführt. Dieses erfolgte unter der Leitung der AGES, in Kooperation und Unterstützung von MitarbeiterInnen der Landwirtschaftskammern und Amtlichen Pflanzenschutzdienste der Bundesländer, Natur im Garten, Weinbauschule Krems sowie der HBLA Klosterneuburg.

Zusätzlich zum Fallen-Monitoring erfolgte seit 2016 in ausgewählten Weingärten auch eine visuelle Kontrolle auf abgelegte Eier der Kirschessigfliege an Weinbeeren. Diese, bis zur Ernte regelmäßig erhobenen Daten, dienten als Information für den Warndienst im Weinbau, der auf der Internet-Plattform „Rebschutzdienst“ unter „insect-watch“ zu finden ist.

Da die Anzahl der gefangenen Kirschessigfliegen in Fallen nur bedingt einen Rückschluss auf die tatsächlich vorkommende Anzahl Fliegen und damit auf das Befallsrisiko erlaubt, erfolgte seit 2020 nur mehr an wenigen Standorten ein Fallen-Monitoring. Ab 2021 gibt es nur mehr ein Monitoring bzw. Kontrolle nach Eiern auf Weinbeeren im Weinbau für den Warndienst, welches einen deutlich besseren Hinweis auf die jeweilige Befallssituation in dem untersuchten Gebiet/Weingarten vermittelt.

Projekte

EU-ERANET EUPHRESCO-II-Projekt DROSKII: “Damage potential of Drosophila suzukii and development of risk management and control measures”; 01.06.2012 – 30.05.2014

EU-ERANET EUPHRESCO-II-Projekt IPMDROS: “IPM Strategies against Drosophila suzukii“, 01.07.2014 – 31.12.2016

Interreg V-Programm „Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein“: „Entwicklung praktikabler Maßnahmen zur Vermeidung von wirtschaftlichen Schäden durch die Kirschessigfliege“, 01.04.2015 – 31.12.2018

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