Kinderlähmung

Polio

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Zuletzt geändert: 16.03.2017
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Polioviren gehören zum Genus Enterovirus, die der Familie der Picornaviridae zuzuordnen sind. Es sind kleine, sphärische, unbehüllte RNA-Viren mit einzelsträngiger (+) –RNA von ca. 25 nm Durchmesser. Das Poliovirus ist ein umweltstabiles Virus. Es ist gegenüber vielen proteolytischen Enzymen sowie gegenüber etlichen Desinfektionsmitteln stabil. Ebenso ist es aufgrund der fehlenden Phospholipidhülle gegen lipidlösliche Mittel, wie Äther oder Chloroform resistent. Es wird auch bei niedrigem ph-Wert (pH 3) wie z. B. durch Magensäure nicht inaktiviert. Das einzige Reservoir für Polioviren ist der Mensch.

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Polioviren gehören zum Genus Enterovirus, die der Familie der Picornaviridae zuzuordnen sind. Es sind kleine, sphärische, unbehüllte RNA-Viren mit einzelsträngiger (+) –RNA von ca. 25 nm Durchmesser. Das Poliovirus ist ein umweltstabiles Virus. Es ist gegenüber vielen proteolytischen Enzymen sowie gegenüber etlichen Desinfektionsmitteln stabil. Ebenso ist es aufgrund der fehlenden Phospholipidhülle gegen lipidlösliche Mittel, wie Äther oder Chloroform resistent. Es wird auch bei niedrigem ph-Wert (pH 3) wie z. B. durch Magensäure nicht inaktiviert. Das einzige Reservoir für Polioviren ist der Mensch.

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Übertragung

Das Virus wird in der Regel fäkal-oral übertragen und vermehrt sich anschließend in den Darmepithelzellen sehr massiv, sodass bis zu 109 infektiöse Viren pro Gramm Stuhl ausgeschieden werden können. Es spielen daher Schmierinfektion, aber auch Übertragung durch kontaminiertes Wasser und kontaminierte Lebensmittel eine Rolle. Da es auch zu einer primären Virusvermehrung in den Epithelzellen des Rachenraumes kommt, kann das Virus auch durch Tröpfcheninfektion übertragen werden.

Symptome

90 bis 95 % aller Infizierten mit Polioviren verlaufen asymptomatisch. Es kommt jedoch zur Ausbildung von Antikörpern und zu einer sogenannten stillen Feiung. Bei 4 bis 8 % aller Infizierten kommt es zu einer abortiven Poliomyelitis: Nach einer Inkubationszeit von 7 bis 14 Tagen kommt es zu einer etwa dreitägigen Erkrankung mit unspezifischer Symptomatik wie Fieber, Gastroenteritis, Übelkeit, Erbrechen, Abgeschlagenheit, Hals- und Kopfschmerzen. Die Zellen des Zentralnervensystems werden nicht betroffen und die Erkrankung heilt folgenlos aus.

Bei 1 bis 2 % aller Infizierten kommt es jedoch zu einer Infektion der Zellen des Zentralnervensystems. Etwa eine Woche nach Abklingen des Prodromalstadiums (entspricht den Symptomen der abortiven Phase) entwickelt sich neben neuerlichem Fieberanstieg, Nackensteifigkeit, Rückenschmerzen und Muskelspasmen eine aseptische Meningitis, wobei Paralysen der Muskulatur fehlen (nichtparalytische Poliomyelitis).

Nur bei 0,1 bis 0,5 % aller Infizierten kommt es zur Entwicklung der paralytischen Poliomyelitis. Dies ist die Form, die als „klassische Kinderlähmung“ bekannt ist. Beim häufiger auftretenden biphasischen Verlauf klingen die Symptome der aseptischen Meningitis zunächst ab, nach etwa 2 bis 3 Tagen treten plötzlich Fieber und asymmetrisch verteilte Paralysen vor allem der Bein-, Arm-, Bauch-, Thorax- und Augenmuskulatur auf.

Bei der seltener auftretenden bulbären und bulbospinalen Poliomyelitis kommt es aufgrund des Befalls von Hirnnerven und zervikalen Rückenmarks zu Schluckstörungen oder Atem- und Kreislaufregulationsstörungen. Diese schwere Verlaufsform hat eine schlechte Prognose und ist mit einer hohen Letalität belastet.

Als Spätfolgen können Paresen, Durchblutungs- und Hauternährungsstörungen, sowie Gelenksschäden, Skoliose der Wirbelsäule und Fußdeformitäten sowie Invalidität als Dauerschäden zurückbleiben. Das Post-Poliomyelitis-Syndrom tritt Jahre bis Jahrzehnte nach Erkrankungsbeginn auf. Dessen Symptome zeigen sich in extremer Müdigkeit, Muskelschmerzen, progressive Muskelatrophien, Atem- und Schluckbeschwerden, Gelenkdeformationen, Muskelzucken und Kälteintoleranz.

Therapie

Die Behandlung erfolgt symptomatisch, da es keine spezifische Therapie mit antiviralen Stoffen gibt.

Präventivmaßnahmen-Impfung

Die Grundimmunisierung mit inaktivierten Polio-Vakzinen (IPV) wird entsprechend dem Impfkalender empfohlen. Der Polio-Lebendimpfstoff ("Schluckimpfung") mit abgeschwächten Erregern wird wegen des – wenn auch sehr geringen - Risikos einer Vakzine-assoziierten Poliomyelitis (VAPP) in Österreich nicht mehr empfohlen.

Überwachung

Polio ist eine meldepflichtige Krankheit, Meldepflicht gilt bei Verdachtsfall, Erkrankungsfall oder Sterbefall nach dem Epidemiegeset. In Österreich wurden zuletzt im Jahre 1980 Polio-Wildviren isoliert, Polio-Impfviren konnten bis 2001 vereinzelt nachgewiesen werden. Für den europäischen Raum stellte die WHO im Jahre 2002 das Zertifikat "poliofrei" aus.

WHO erklärt weltweite Ausrottung des Wildpoliovirus Typ 2

Eine weltweite Eradikation von Polio gilt als möglich, da der Erreger als einziges Reservoir den Menschen hat und eine natürliche Infektion bzw. eine Impfung eine lebenslange Immunität bewirkt. Dieses Bestreben der WHO im Rahmen der globalen Polio-Eradikationsinitiative mit Beginn 1988 führte zu beträchtlichen Erfolgen bei der Bekämpfung von Polio: Die Zahl der weltweit registrierten Fälle konnte bis 2010 um 99,5 % gesenkt werden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat am 20. September 2015 das Wildpoliovirus Typ 2 (WPV2), eines von drei Wildpoliovirus-Serotypen weltweit für ausgerottet erklärt. Das letzte WPV2 konnte 1999 in Nordindien detektiert werden. Dies ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zur weltweiten Ausrottung der Poliomyelitiserreger.

WPV3 wurde weltweit seit November 2012 (in Nigeria) nicht mehr detektiert. Das Auftreten der einzigen verbleibenden endemischen WPV1 Stämme ist aktuell auf die Regionen Pakistan und Afghanistan beschränkt.

Den letzten Poliomyelitisfall in Österreich gab es 1980, seitdem konnte kein Wildpoliovirus mehr nachgewiesen werden. Impfstämme - das sind sogenannte Sabin-Polioviren, die nach Verabreichung eines oralen Impfstoffes („Schluckimpfung“) vom Geimpften ausgeschieden werden - konnten sehr wohl nachgewiesen werden. Im Rahmen des in Österreich bestehenden Polio-Überwachungssystems wurden zwischen Januar und September 2015 in der Nationalen Referenzzentrale für Polioviren an der AGES Wien bei acht untersuchten Personen Sabin-Polioviren detektiert.

Der nächste von der WHO geplante Schritt im Rahmen der globalen Polioeradikation wird die für April 2016 vorgesehene schrittweise Umstellung des derzeit noch verwendeten trivalenten (beinhaltet alle drei Serotypen) auf bivalenten (beinhaltet nur mehr die Serotypen 1 und 3, aber nicht mehr Typ 2) oralen Impfstoffes (OPV) sein.

AFP-Surveillance

Eine wichtige Forderung der WHO ist die Durchführung der AFP-Surveillance (AFP = akute schlaffe Lähmung, acute flaccid paralysis), welche in Österreich seit 1998 flächendeckend durchgeführt wird. Bei dieser Form der Überwachung sollen alle AFP-Fälle zentral im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Abteilung für Infektionen, Seuchenbekämpfung und Krisenmanagement, erfasst werden. Rund 90 pädiatrische und neurologische Abteilungen in Österreich sind in dieses Surveillance-System eingebunden. An die Nationale Referenzzentrale für Polio sollen 2 Stuhlproben (Mindestabstand der Probengewinnung 24-48 Stunden) innerhalb von 14 Tagen nach Beginn der Erkrankung zur Virusisolierung gesandt werden.

Enterovirus-Überwachung

Es besteht auch ein epidemiologisches Labornetzwerk zur österreichweiten Enterovirus-Überwachung. Daran beteiligen sich Laboratorien in Österreich, die Enterovirus-Nachweise mittels Virusisolierung oder molekularbiologischen Methoden durchführen und Proben von PatientInnen mit Diagnosen wie Diarrhoe, Meningitis oder Lähmungserscheinungen untersuchen. Seit 2016 werden auch respiratorische Proben, die molekularbiologisch einen positiven Enterovirus Nachweis ergaben, an der Nationalen Referenzzentrale gezielt auf Enterovirus D 68 untersucht. Die am Labornetzwerk teilnehmenden Laboratorien melden quartalsweise die Zahl der auf Enteroviren untersuchten und die Zahl der positiven Proben an das BMG und an die Nationale Referenzzentrale für Polio. Alle PCR-positiven Proben werden zur Virusisolierung und Typisierung an die Nationale Referenzzentrale für Polio weitergeleitet.


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