Hormonähnliche Stoffe im Wasser

Zuletzt geändert: 08.04.2019

Studie von AGES und Umweltbundesamt zu endokrin wirksamen Substanzen in Trink-, Grund- und Oberflächenwasser

Chemikalien, die Wirkung auf die Funktion des Hormonsystems und damit auf die Entwicklung, das Wachstum, die Fortpflanzung und das Verhalten von Menschen und Tieren haben, werden als Umwelthormone, Xenohormone oder als „Endokrine Disruptoren“ bezeichnet. Diese Stoffe können die Ursache von Krankheiten wie Krebs, Fortpflanzungsstörungen bei Mensch und Tier sowie von Verhaltensänderungen sein. Industriechemikalien, die in großem Maßstab hergestellt werden und in Gegenständen des täglichen Bedarfs zu finden sind, können für hormonell bedingte Entwicklungsstörungen aquatischer Organismen verantwortlich sein.

Das Thema möglicherweise endokrin wirksamer Stoffe spiegelt sich in der Gesetzgebung auf EU-Ebene wieder. Im aktuellen Entwurf zur EU-Trinkwasserrichtlinie ist die Untersuchung ausgewählter endokriner Disruptoren (z. B. Perfluorierte Tenside, Bisphenol A) vorgesehen. Um den aktuellen Stand im Trink- und Grundwasser zu erheben, wurde im Jahr 2017/18 das Forschungsprojekt „Zum Vorkommen von Chemikalien mit bekannter oder vermuteter endokrin disruptiver Wirkung in Trinkwasser, Grundwasser und Oberflächenwasser, Österreich 2017/2018“ durchgeführt: Dabei wurde stichprobenartig erhoben, welche ausgewählten endokrin disruptiven Chemikalien im Grund-, Trink- und Oberflächenwasser nachgewiesen werden können. Durchgeführt wurde das Forschungsprojekt von der AGES und dem Umweltbundesamt.

Die Proben wurden an 20 ausgewählten Trinkwassermessstellen, an 22 Grundwassermessstellen, an fünf Badeseen und sieben Flüssen entnommen. Es wurden dabei besonders solche Messstellen ausgewählt, an denen bei einem früheren Forschungsprojekt Hinweise auf mögliche Belastungen durch Abwassserindikatoren gefunden wurden. Die Proben wurden auf 28 Parameter analysiert. Insgesamt wurden 1512 Einzelmessungen durchgeführt.

Die wichtigsten Ergebnisse

In 39 der 54 Proben wurde mindestens ein endokriner oder potenziell endokriner Disruptor gefunden. Die ermittelten Konzentrationen lagen großteils im Bereich von Nanogramm pro Liter. Ein Nanogramm (ng) ist ein Milliardstel Gramm. Keine Probe wies Östrogene (Hormone) oder Triclosan (ein bakterienhemmender chemischer Stoff, der als Desinfektionsmittel und als Konservierungsmittel eingesetzt wird) in nachweisbaren Mengen auf.

Die zu den perfluorierten Tensiden zählenden Stoffe Perfluoroctansäure (PFOA) und Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) wurden sowohl im Trinkwasser und Grundwasser als auch in den untersuchten Badeseen und Fließgewässern gefunden. Es handelt sich dabei um Industriechemikalien, die auch im Haushalt verwendet werden, z. B. als Antihaftbeschichtung für Töpfe und Pfannen, zur Imprägnierung von Teppichböden, zur Oberflächenveredlung von Möbeln, für wasserabweisende, wetterfeste Textilien. Diese Verbindungen werden in der Umwelt praktisch nicht abgebaut und können sich daher in der Nahrungskette anreichern. Die Verwendung von PFOS ist seit 2010 in Europa verboten. Die im Vorschlag für eine Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates über die Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch (Neufassung) vom 1.2.2018 angeführten 0,1 μg/l (= 100 ng/l) wurden nicht überschritten.

Bisphenol A (BPA) ist eine der weltweit meistproduzierten Chemikalien. Bisphenol A wird in der Kunststoff-Produktion verwendet. Da es sich um eine das Hormonsystem schädigende Substanz handelt, wurde ihr Einsatz bei der Herstellung von Kunststoff-Babyfläschchen 2011 in der EU verboten. In Österreich besteht ein zusätzliches Verbot der Verwendung von BPA in Beruhigungssaugern (Schnullern) und Beißringen. BPA wurde in vier Trinkwasserproben, in einer Grundwasserprobe und in einer Badewasserprobe nachgewiesen. Zwei Trinkwasserproben lagen mit Konzentrationen von 20,9 ng/l und 13,1 ng/l über dem von der Europäischen Kommission für Trinkwasser damals vorgeschlagenen Grenzwert von 0,01 μg/l (=10 ng/l).

Von den acht Einzelstoffen aus der Gruppe der Phthalate, die weit verbreitet als Kunststoff-Weichmacher eingesetzt werden, wurden im Grundwasser fünf, im Trinkwasser und Badeseen jeweils zwei sowie in den Fließgewässern ein Phthalat über den entsprechenden Bestimmungsgrenzen nachgewiesen werden. Die Gehalte lagen aber deutlich unterhalb gesicherter humantoxikologischer Relevanz.

Polybromierte Diphenylether (PBDE) sind bromhaltige organische Chemikalien, die als Flammschutzmittel in vielen Kunststoffen und Textilien eingesetzt wurden. Ihre Anwendung ist mittlerweile in der EU verboten. Im Rahmen dieser Studie wurden PBDE an drei von zwanzig Grundwassermessstellen und drei von zwanzig Trinkwassermessstellen nachgewiesen. Die höchsten Werte lagen bei 0,62 ng/l Grundwasser bzw. 0,49 ng/l Trinkwasser (jeweils 2,2´,4,4´-Tetrabromdiphenylether bzw. BDE 47).

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie liefern eine aktuelle Datengrundlage über das Auftreten von Hormonen und potentiell endokrin aktiven Stoffen in österreichischen Grund- und Trinkwässern. Der Eintrag von potentiell endokrin wirksamen Substanzen ist vielfach auf Abwasser- bzw. Oberflächenwasserbeeinflussung zurückzuführen.

Die vergleichsweise geringen Konzentrationen geben keinen unmittelbaren Anlass zur Sorge. Dennoch sollte Wasser auch künftig regelmäßig auf das Vorhandensein derartiger Substanzen untersucht werden. Monitoring-Aktivitäten sollten insbesondere die Gruppe der Perfluorierten Tenside, der Alkyl- und Bisphenole, der Phthalate und Polybromierte Diphenylether umfassen, weil diese mehrfach positiv nachgewiesen werden konnten. Im aktuellen Entwurf zur EU-Trinkwasserrichtlinie ist die Untersuchung ausgewählter endokriner Disruptoren (z. B. Perfluorierte Tenside, ß-Estradiol, Nonlyphenol, Bisphenol A) vorgesehen.

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