Ethylenoxid

Zuletzt geändert: 21.07.2021

Tierseuchenkategorien:

Steckbrief

Beschreibung

Ethylenoxid ist ein farbloses Gas, das in einigen Ländern wie z.B. Indien, USA, Kanada zum Besprühen von Lebensmitteln eingesetzt wird, um Bakterien und Pilze abzutöten. Es kann daher als Rückstand in diesen Lebensmitteln auftreten. In der EU ist es seit 1991 in Pflanzenschutzmitteln verboten. Als Desinfektionsmittel ist Ethylenoxid erlaubt, allerdings darf es nicht in Kontakt mit Lebensmitteln kommen.

Vorkommen

Rückstände von Ethylenoxid werden vor allem in Sesamsamen, in Produkten mit Sesamsamen wie Riegeln, Snacks oder Salat-Toppings sowie in Gewürzen und Zusatzstoffen (z.B. Johannisbrotkernmehl (E410), Guarkernmehl (E412)) gefunden.

Gesundheitsrisiko

Ethylenoxid ist erbgutverändernd und krebserzeugend.

Situation in Österreich

Die Europäische Kommission hat am 16.07.2021 in einem an die europäischen Behörden und Lebensmittelunternehmer gerichteten Schreiben bekräftigt, dass die mit Ethylenoxid kontaminierten Lebensmittel in der gesamten EU als nicht sicher bewertet werden und damit für den menschlichen Verzehr ungeeignet sind.

Die Verantwortung für sichere Lebensmittel liegt in erster Linie bei den Lebensmittelunternehmern. Im Rahmen ihrer Eigenkontrolle sind diese jetzt aufgerufen, ihre Produkte auf diese verbotene Substanz zu prüfen. Bei einer Kontamination mit Ethylenoxid dürfen diese Produkte nicht vermarktet werden. Bereits auf dem Markt befindliche Produkte müssen umgehend zurückgezogen werden und die Verbraucherinnen und Verbraucher dementsprechend informiert werden.

Seit über das europäische Schnellwarnsystem belastete Lebensmittel gemeldet wurden,  laufen österreichweit Kontrollen durch die zuständigen Lebensmittelbehörden, die auch weiterhin durchgeführt werden um die größtmögliche Sicherheit für die Verbraucherinnen und Verbraucher zu gewährleisten.

Fachinformation

Ethylenoxid ist ein erbgutveränderndes Kanzerogen ohne Schwellenwert (RAC 2017, ATP). Mutagenität (das Potential zu Veränderung des Erbguts) ist grundsätzlich ein akuter, nach einmaliger Exposition auftretender Effekt. Sekundärwirkungen, wie Tumorbildung (Kanzerogenität), treten jedoch verzögert und als Folge einer akkumulierten Exposition im Verlauf des Lebens auf. Daher sollen auch einmalige hohe Aufnahmen durch Kinder vermieden werden.

Aufgrund des erbgutverändernden Potenzials von Ethylenoxid konnte kein gesundheitsbasierter Richtwert ohne Gesundheitsrisiko definiert werden (EFSA, 2012, BPC 2020). Wie jedoch bereits in der BfR Stellungnahme (BfR, 2020, 2021) festgehalten, ermöglicht die Datenlage zu Ethylenoxid die Ableitung von Aufnahmemengen, unterhalb derer von einem „minimalen zusätzlichen Krebsrisiko“ ausgegangen werden kann (EFSA, 2005).

Folgend der Ausarbeitung dieses Konzepts der EFSA (2005) kann durch Anwendung eines Extrapolationsfaktors von 10000 (Margin of Exposure, MoE) auf den relevanten BMDL10-Wert aus einer geeigneten Tierstudie oder aus epidemiologischen Erhebungen, eine Aufnahmemenge „geringer Besorgnis“ abgeschätzt werden. Der BMDL10–Wert beschreibt die berechnete untere Grenze des Vertrauensintervalls jener Dosis, die bei lebenslanger Aufnahme eine Zunahme der Tumorinzidenz um 10 % verursacht.

Im Fall von Ethylenoxid lag dem National Institute for Public Health and the Environment (RIVM, die Niederlande) eine für die Abschätzung des Krebsrisikos nach oraler Aufnahme geeignete 150-Wochen Studie an Ratten (Dunkelberg, 1982) vor. Die Befunde aus dieser Studie wurden hinsichtlich der Dosis-Wirkungs-Beziehung entsprechend dem von der EFSA (2017) beschriebenen Stand der Technik mittels Benchmark-Dose-Modellierung neu ausgewertet und vom BfR (BfR, 2020, 2021) als plausibel befunden.

Für die Zunahme von Tumoren im Magen lebenslang exponierter weiblicher Tiere (Ratten) in der Studie von Dunkelberg, 1982 wurde ein BMDL10 von 0,37 mg/kg KG/Tag ermittelt. Durch die Einbeziehung des Extrapolationsfaktors von 10.000 ergibt sich somit die Aufnahmemenge „geringer Besorgnis“ für Ethylenoxid von 0,037 µg/kg KG/Tag.

Bezüglich des Ethylenoxid-Abbauproduktes 2-Chlorethanol ist die Datenlage widersprüchlich und teilweise unvollständig. Auch das BfR (BfR, 2020, 2021) kommt zum Schluss, dass zu den erbgutverändernden und kanzerogenen Eigenschaften von 2-Chlorethanol derzeit keine sichere Aussage getroffen werden kann und daher die Risikobewertung für 2-Chlorethanol nach dem gleichen Prinzip wie für Ethylenoxid erfolgen soll.

Referenzen

Dunkelberg H (1982) Carcinogenicity of ethylene oxide and 1,2-propylene oxide upon intragastric ad-ministration to rats. Br. J. Cancer, 46, 924-933.

RIVM & WFSR (2020) Risk Assessment of ethylene oxid e in sesame seeds. Project No. V/ 093130.

RAC Opinion proposing harmonised classification and labelling at EU level of ethylene oxide (oxirane), 2017

Verordnung (EU) 2020/217 der Kommission vom 4. Oktober 2020

Conclusion on the peer review of the pesticide risk assessment of the active substance ethylene, EFSA Journal 2012;10(1):2508

Opinion on the application for approval of the active substance: Ethylene oxide, ECHA/BPC/272/2020, BCP 2020.


Gesundheitliche Bewertung von Ethylenoxid-Rückständen in Sesamsamen, BfR 2020

Gesundheitliche Bewertung von Ethylenoxid-Rückständen in Sesamsamen - Aktualisierte Stellungnahme Nr. 024/2021 des BfR vom 20. Juli 2021

Opinion of the Scientific Committee on a request from EFSA related to A Harmonised Approach for Risk Assessment of Substances Which are both Genotoxic and Carcinogenic, EFSA 2005

EFSA guidance on benchmark dose modelling, 2017, BMD approach in risk assessment


EFSA comprehensive European food consumption database, 2015

Ethylenoxid - Lebensmittelverband Deutschland

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