Biodiversität und Sortenzulassung

Zuletzt geändert: 08.04.2019

Die Biodiversität landwirtschaftlicher Kulturarten war eines der Themen des jährlichen Treffens der Verantwortlichen für die Wertprüfung (VCU = Value for Cultivation and Use) im September dieses Jahres, an der wiederum auch ein Vertreter der EU-Kommission teilnahm. Dieses Thema wurde 2015 von Österreich als Thema beim Treffen in Polen für das nächste Meeting vorgeschlagen. Dabei wurden von der AGES bereits erste Ergebnisse für Deutschland und Österreich vorgestellt. Ein Upgrading der Datenbasis auf alle interessierten Teilnehmerstaaten wurde begrüßt und die Repräsentanten der Sortenzulassungsinstitutionen von dreizehn EU-Mitgliedstaaten lieferten im Vorfeld notwendigen Daten an Österreich. Diese wurden in zwei Regionen eingeteilt (Ost: BG, CZ, HR, HU, LT, LV, PL und SK; West: AT, BE, DE, DK, FR und NL). Man einigte sich darauf die Anzahl der national gelisteten Sorten sowie zusätzliche statistische Flächenangaben landwirtschaftlich genutzter Arten für die Jahre 1985 und 2015 zur Verfügung zu stellen. Letztendlich wurden 20 Feldfrüchte für die Auswertung verwendet, die in beiden EU-Regionen (Ost – West) eine weitgehend gleiche Kulturartenfläche abdeckten.

Auf dieser Basis konnte die AGES (NPP/SORT und COM/APA) Abbildungen erstellen, die einen repräsentativen Überblick über die Entwicklung der Sortenzahlen bei traditionellen aber auch neuen Arten als Ganzes dieser EU-Mitgliedsstaaten (EU-MS) ergaben. Hinsichtlich der westlichen und östlichen EU-MS wurden deutlich unterschiedliche Trends des Sortenumfanges vieler Arten offenkundig.

Im Jahr 1985 waren in den teilnehmenden osteuropäischen Ländern Sorten von acht Getreidearten mit in Summe 264 Sorten, hingegen in den westeuropäischen Ländern neun solche Arten mit 964 verschiedenen Sorten, gelistet (Abb. 1, 2 und 3).

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Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Europa:
Vergleich 1985-2015
Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Europa:
Vergleich 1985-2015

Dreißig Jahre später (2015) setzten sich in den beteiligten östlichen EU-Mitgliedsstaaten die nationalen Sortenlisten aus knapp über 2000 Sorten dieser Arten (Multiplikationsfaktor 7,6) zusammen. In den teilnehmenden westlichen EU-Staaten kam es hingegen mit nicht ganz 1600 Sorten lediglich zu einer 1,6 fachen Zunahme der Sortenzahl!
Im kontinentalen Osteuropa wurden in der Vergangenheit keinerlei Sommerhartweizen- und Sommertriticale-Sorten gelistet und angebaut, während seit dem Vorjahr einige wenige Sorten gelistet sind. In Westeuropa wurden während des ganzen Zeitraumes Sorten von Sommerdurum gelistet und angebaut. Hingegen sind in diesen Ländern bis jetzt keine Sommertriticale-Sorten gelistet oder im Anbau.

Die Sortenzahlen aller zehn betrachteten Getreidearten nahmen über diesen Zeitraum zu. Besonders auffällig entwickelten sich die Sortenzahlen bei Winterweizen, die sich in den ausgewerteten westeuropäischen Ländern verdoppelten, während sie innerhalb der einbezogenen osteuropäischen Länder verachtfachte!

In den anderen zehn Kulturarten -Sonnenblume über Mais, Körnerraps, Kartoffel bis Ackerbohne- wurden während dieser 30 Jahre eine zum Teil stark zunehmende Sortenzahl gelistet und je nach Art  auch auf deutlich verschieden großen Flächen kultiviert (Mais – Ackerbohne). In diesem Zeitraum nahm im Westen die Sortenzahl um etwas mehr als das 2,5-fache zu (1563 auf 4043 Sorten) während sich die Sortenzahl dieser Kulturarten in den osteuropäischen Ländern mehr als verzehnfachte (464 auf  4860 Sorten)!

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Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Osteuropa:
Vergleich 1985-2015
Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Osteuropa:
Vergleich 1985-2015

Arten in dieser Artengruppe zeigen in einzigartiger Weise auf, wie über die Jahre -zum Beispiel bei Körnermais oder Winterkörnerraps- auf Grund des züchterischen Fortschrittes und der daraus resultierenden besseren Wirtschaftlichkeit, die Anbaubedeutung drastisch zunahm. Im Osten nahm die Sortenzahl bei Körnermais (131 auf 2095) um das 16-fache und bei Winterkörnerraps (19 auf 721) um das 19-fache zu. Im Gegensatz dazu fiel die Verdreifachung der Sortenzahl bei Mais (527 auf 1473) und die Zunahme bei Raps auf den siebenfachen Wert im Westen deutlich geringer aus. Bei anderen Ölpflanzen wie Sonnenblume und Sojabohne oder auch Zuckerrübe und Kartoffel traten zwischen diesen beiden Regionen weder bei den Sortenzahlen noch bei den Flächenumfängen so große Unterschiede auf.

Die Sortenzulassungs-Institutionen von Österreich, Ungarn, der Slowakei und Tschechiens kamen im Rahmen ihres jährlichen Winterkörnerraps-Meetings überein, den genetischen Background der in ihren Ländern gelisteten Sorten zu beleuchten. Ein Mitgrund für diese Vorgangsweise war auch den anderen am EU-VCU-Meeting teilnehmenden Ländern Ergebnisse für einen vertiefenden nächsten Schritt hinsichtlich Biodiversität im Sortenbereich anbieten zu können. Zu diesem Zweck wurden die anonymisierten  Pedigree-Daten der gelisteten Sorten zusammengeführt und in der Folge alle Doppelt- und Mehrfachnennungen ausgeschieden. Im Durchschnitt enthalten alle im Jahr 2015 eingetragenen Hybridsorten bei Winterkörnerraps in diesen Ländern je Sorte 1,7 verschiedene Komponenten/Züchterlinien. Diese 192 Rapssorten stammten in Summe aus 28 verschiedenen Züchterhäusern. Von diesen Hybriden waren nur drei Sorten in allen vier Nachbarländern und 20 Sorten in drei dieser Länder gelistet. Ähnliche geringe Schnittmengen hinsichtlich gemeinsamer Sorten ergaben sich auch bei den Umfragen früherer EU-VCU-Treffen bei Gerste, Mais, Sojabohne, Sonnenblume und Winterweizen. Allerdings wurden diese Arten bis jetzt nicht hinsichtlich ihrer Sortenkomponenten untersucht.

Für Österreich liegen bereits auch gegenständliche Zahlen für 1965 vor. So waren bei Sojabohne, Sonnenblume, Kürbis, Winter-körnerraps, Wintertriticale sowie Sommer- und Winterhartweizen keine Sorten gelistet und es fand auch keine Produktion statt. Diese „neuen“ Arten wurden im Jahr 2015 mit verschiedenen Sorten auf einer heimischen Fläche von ca. 200.000 Hektar angebaut, das sind ungefähr 15 Prozent der landwirtschaftlichen Ackerfläche (1,35 Mio. ha). Damit verfügen die Landwirte nunmehr über eine größere Arten- und Sortenvielfalt für ihre Fruchtfolgen, wodurch ihnen durch eine gezielte Verwendung krankheitstoleranterer Sorten auch eine nachhaltigere und umweltfreundlichere Produktion ermöglicht wird. Zur Erleichterung dieser Sortenselektion können die Anbauer in Österreich nunmehr auch auf ein interaktives Webtool bei diesen heimischen Arten zugreifen.

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Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Westeuropa:
Vergleich 1985-2015
Anzahl gelisteter Sorten ausgewählter Arten in Westeuropa:
Vergleich 1985-2015
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