Antibiotikaresistenz als Herausforderung für die Gesundheit von Mensch und Tier

Zuletzt geändert: 10.09.2021

Bestandsspezifische Impfstoffe reduzieren Antibiotika-Einsatz und vermindern Resistenzen

Klimawandel, neue und bekannte Infektionskrankheiten bzw. vom Tier auf den Mensch übertragbare Krankheiten sowie Antibiotikaresistenzen sind drei große Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In Österreich werden in der Humanmedizin jährlich rund 70 Tonnen, in der Veterinärmedizin rund 44 Tonnen Antibiotika eingesetzt. „Wir wollen den Antibiotika-Einsatz im Veterinärbereich weiter reduzieren und die Resistenzsituation in Österreich verbessern“, betont AGES-Geschäftsführer Dr. Anton Reinl vor dem Hintergrund der Produktion von bestandsspezifischen Impfstoffen und Autovakzinen am AGES Standort Mödling. Seitens der AGES wolle man gemäß dem „One Health“-Ansatz entsprechende wissenschaftliche Lösungen und fachliche Antworten geben. „Denn die Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe stellt eine Gefahr für die Bevölkerung und heimische Nutztierbestände dar“, unterstrich AGES-Veterinärchef Univ.-Prof. Dr. Friedrich Schmoll. „Die Impfprophylaxe mit bestandsspezifischen Impfstoffen und Autovakzinen liefert einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Tiergesundheit und ist Teil der Lösung für eine Reduktion des Antibiotika-Einsatzes und somit zur Verringerung von Antibiotikaresistenzen.“

Impfstoffe nach Maß für gesunde Tiere

Bei einer bestandsspezifischen Vakzine handelt es sich um einen inaktivierten Impfstoff, keinen Lebendimpfstoff, der unter Verwendung eines aus einem bestimmten Bestand oder von einem Tier isolierten Krankheitserregers (Viren, Bakterien wie Mycoplasma spp., Pilze) hergestellt wurde und nur in diesem Bestand oder an diesem Tier angewendet wird. „Diese maßgeschneiderten Impfstoffe umfassen das aktuelle Keimspektrum des jeweiligen Betriebes und werden vom Tierarzt/von der Tierärztin zur gezielten Impfprophylaxe bei Rind, Schwein, Geflügel, Ziegen, Schafen, Fischen und anderen Tierarten eingesetzt“, erläutert Schmoll weiter. Die Veterinär-Expertinnen und Experten der AGES verfügen über ein großes fachliches Wissen bei bestandsspezifischer Infektions-Diagnostik und der fachlichen Beratung für die Gesunderhaltung von Haus- und Wildtieren. Das Geschäftsfeld Tiergesundheit beherbergt zudem nationale Referenzlabore für zahlreiche Tierkrankheiten und fungiert als Überwachungs- und Forschungseinrichtung im Zusammenhang mit der Verminderung des Antibiotikaeinsatzes bzw. von Resistenzen. „Dieses praktische Knowhow ist Basis der Planung einer zielgerichteten Impfprophylaxe gemäß dem Motto ‚Vorbeugen ist besser als heilen‘“, betonte Schmoll.

Resistenzen als Gefahr für Mensch und Tier

In der Human- und Veterinärmedizin werden identische bzw. strukturell verwandte Antibiotika eingesetzt. „Jeder Einsatz von Antibiotika kann zu einer Selektion von resistenten Bakterien führen“, so PD Dr. Burkhard Springer, Leiter des Referenzlabors für Antibiotikaresistenzen der AGES. „Eine weitere Zunahme von Antibiotika-Resistenzen wird erhebliche gesundheitliche und wirtschaftliche Folgen haben.“ Vor dem Hintergrund eines diskutierten EU-weiten Verbots bestimmter Reserveantibiotika in der Tierhaltung bzw. der Reservierung dieser Antibiotika für humane Anwendungen gab Springer einen Überblick über die aktuelle Situation in Österreich: Im Geflügelbereich sei es gelungen die Antibiotika-Verbrauchsmengen seit 2011 um die Hälfte auf 2,4 Tonnen zu reduzieren, „eine Erfolgsgeschichte“. Im Schweinebereich sieht die Situation allerdings seit Jahren weitgehend unverändert aus. Rund drei Viertel des Antibiotikaverbrauchs im Veterinärsektor falle im Mehrjahresschnitt auf die Schweineproduktion, so Springer, mit Auswirkungen auf tierische Lebensmittel: „In Österreich finden wir in den EU-Überwachungsprogrammen beinahe in zwei Drittel der Schweine-Därme und bei rund 10 Prozent des Frischfleisches antibiotikaresistente Darmbakterien (Anm.: ESBL- und/oder AmpC-bildende E. coli-Bakterien).“

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Anteil der Antibiotika-Abgabemengen in Prozent je Tierart nach Jahren

Impfungen für alle Nutz- und Heimtiere

Durch den zielgerichteten Einsatz bestandsspezifischer Impfstoffe und Autovakzinen kann der Medikamenten- und Antibiotikaverbrauch reduziert bzw. ganz weggelassen werden. Eine Resistenz- und Rückstandsproblematik sowie Wartezeiten sind nicht gegeben. Impfungen fördern somit die Gesundheit und sparen bei kontinuierlichem Einsatz Kosten. „Die Durchführung von Impfungen ist eine etablierte Maßnahme, um die Verbreitung von Krankheiten zu verhindern“, sagte Tierarzt Dr. Gottfried Schoder, Bundeskoordinator der Tiergesundheitsdienste (TGD) Österreichs und Leiter des TGD Oberösterreich. Da die Entwicklung der Impfstoffe nicht immer mit der Veränderung der Krankheitserreger Schritt hält, kann „der Einsatz bestandsspezifischer Impfstoffe eine wertvolle Ergänzung sein“, so der Tierarzt. Dabei ist der kausale Erreger zu isolieren, zu vermehren, zu inaktivieren und qualitätsgesichert im Impfstoff abzupacken.
Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter der AGES sehen großes Potenzial für die Verbesserung der Gesundheit von Nutztierbeständen inklusive Biobetrieben sowie im Heim- und Kleintierbereich. „Für uns ist der direkte Kontakt zu den Tierärztinnen und Tierärzten sowie eine Verbesserung des Wissens bei den Landwirtinnen und Landwirten wichtig, um gemeinsam die gezielten Einsatzmöglichkeiten von bestandsspezifischen Impfstoffen zu vertiefen“, sagte Dr. Astrid Weiss, Leiterin der Abteilung Bestandsspezifische Impfstoffe der AGES. Essenziell für den Behandlungserfolg sei die Kooperation von Tierarzt, Betrieb, Diagnostik und Herstellung. Landwirtinnen und Landwirte wenden sich bei Fragen zu Einsatzmöglichkeiten, Probennahme und Anwendung an die betreuende Tierärztin oder den betreuenden Tierarzt. Die Vakzine wird von der Tierärztin oder dem Tierarzt bestellt und verimpft.

„Die Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe stellt neben dem Klimawandel eine der großen Gefahren des 21. Jahrhunderts für die Bevölkerung und Nutztierbestände dar“, betonte AGES Geschäftsführer Reinl. Daher sei die Verminderung von Antibiotika-Resistenzen dem Unternehmensziel der AGES „Österreich gesund erhalten - Mensch, Tier, Pflanze, Boden!“ folgend ein strategisches Schwerpunktthema der kommenden Jahre, das mit entsprechenden Ressourcen und Forschungstätigkeiten gestärkt werde. „Die heimische Impfstoffproduktion durch die AGES sichert die Versorgung mit bestandsspezifischen Impfstoffen und Autovakzinen in hoher Qualität“, so Reinl abschließend.

Informationen und Kontakt zur Impfstoffproduktion
Antibiotika-Vertriebsmengen in der Veterinärmedizin
Monitoring antibiotikaresistenter Keime

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