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Lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche

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Changed on: 04.11.2016

Der Verbraucher erwartet hygienisch einwandfreie Lebensmittel und die Lebensmittelwirtschaft legt großen Wert auf die Qualität ihrer Produkte. Wenn trotzdem Menschen durch den Genuss von mit Krankheitserregern verunreinigten Lebensmitteln erkranken, so sollte versucht werden, die Ursachen dafür aufzuklären.

Bei Einzelfällen gelingt es meist nicht, unter der Vielfalt der verzehrten Lebensmittel das für die Erkrankung Ursächliche herauszufinden. Kommt es aber zu Gruppenerkrankungen, zu sogenannten lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen, so besteht eine bessere Chance, durch Herausarbeiten von charakteristischen Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen das Lebensmittel, das dem Infektionserreger als Übertragungsvehikel diente, ausfindig zu machen.

Seit dem Jahr 2010 werden die dokumentierten lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüche in den Zoonosenberichten der AGES jährlich veröffentlicht.

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Der Verbraucher erwartet hygienisch einwandfreie Lebensmittel und die Lebensmittelwirtschaft legt großen Wert auf die Qualität ihrer Produkte. Wenn trotzdem Menschen durch den Genuss von mit Krankheitserregern verunreinigten Lebensmitteln erkranken, so sollte versucht werden, die Ursachen dafür aufzuklären.

Bei Einzelfällen gelingt es meist nicht, unter der Vielfalt der verzehrten Lebensmittel das für die Erkrankung Ursächliche herauszufinden. Kommt es aber zu Gruppenerkrankungen, zu sogenannten lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen, so besteht eine bessere Chance, durch Herausarbeiten von charakteristischen Gemeinsamkeiten zwischen den Fällen das Lebensmittel, das dem Infektionserreger als Übertragungsvehikel diente, ausfindig zu machen.

Seit dem Jahr 2010 werden die dokumentierten lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüche in den Zoonosenberichten der AGES jährlich veröffentlicht.

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Situation 2015

Lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche in Österreich 2015

Im Jahr 2015 wurden österreichweit 78 lebensmittelbedingte Ausbrüche festgestellt. Es gab 2015 keinen Todesfall in Verbindung mit einem lebensmittelbedingten Krankheitsausbruch. Seit dem Jahr 2006 ist ein Rückgang an Ausbrüchen um 87 % zu verzeichnen. Im Zusammenhang mit den 78 Ausbrüchen sind 333 Personen erkrankt, viel weniger als im Jahr 2014 (790 Personen bei 96 Ausbrüchen). Dadurch hat sich die Inzidenz von 9,3 Erkrankten in Verbindung mit lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen je 100.000 Bevölkerung im Jahr 2014 auf 3,9 im Jahr 2015 reduziert. Im Vergleich dazu waren in Österreich im Jahr 2006 noch 30,7 Personen je 100.000 Bevölkerung von Ausbrüchen betroffen.

Besonders bemerkenswert war der Rückgang an Salmonellose-Ausbrüchen von 2006 bis 2014 um 92 % (452 auf 34). Auch die Anzahl an Campylobacteriose-Ausbrüchen hat sich auf 32 verringert. Im Jahr 2015 stellten Salmonellen wieder das häufigste Ausbruchs-Agens dar, sie verursachten 44 % der Ausbrüche, Campylobacter 41 %. Weitere Ausbrüche wurden durch Shigella (fünf Ausbrüche), Noroviren (drei), Botulismustoxin (zwei) und je einer durch Staphylococcus aureus Enterotoxin und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)-Viren ausgelöst.

Jahr2006200720082009201020112012201320142015
lebensmittelbedingte Ausbrüche6094383683511932321221339678
- davon durch Salmonellen4523052232089810053444734
- davon durch Campylobacter1371081181208211661584032
Anzahl der Erkrankten (in Verbindung mit lebensmittelbedingten Ausbrüchen)2.5301.7151.3761.330838789561568790333
- in Verbindung mit Ausbrüchen Erkrankte je 100.000 Bewohner30,720,716,515,910,09,46,76,79,33,9
- davon im Krankenhaus behandelt49328633822315517997108121119
- Anzahl der Todesfälle3106200010

 

Arten von lebensmittelbedingten Ausbrüchen

Das Österreichische Zoonosengesetz verpflichtet die AGES, die Ausbruchsdaten jährlich zu sammeln und an die EU weiterzuleiten. Für diese Berichterstattung ergeben sich bestimmte Klassifizierungen: Ausbrüche, bei denen nur Mitglieder eines einzigen Haushaltes betroffen sind, werden als Haushaltsausbruch gewertet. Sind Personen aus mehreren Haushalten betroffen, wird dies als allgemeiner Ausbruch gezählt. Den Großteil machen jedes Jahr Haushaltsausbrüche aus, weil es häufig nicht gelingt, Erkrankungsfälle verschiedener Haushaltsausbrüche epidemiologisch durch Identifizierung eines einzigen ursächlichen Lebensmittels miteinander in Verbindung zu setzen. Im Jahr 2015 wurden 80 Prozent aller Ausbrüche als Haushaltsausbrüche klassifiziert.

Bundesländerübergreifende lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche 2015

2015 wurde nur ein einziger verdächtiger Bundesländer-übergreifender Ausbruch bekannt: Ein Ausbruch durch einen Bakterienstamm von S. Stanley mit Antibiotikaresistenzen gegenüber den Chinolonen Nalidixinsäure und low-level Resistenz gegenüber Ciprofloxacin. Dieser Stamm hatte schon im Jahr 2011 einen österreichweiten und 2012 sowie 2014 EU-weite Ausbrüche verursacht. Der Ausbruch im Jahr 2015 betraf 141 Personen aus acht Bundesländern (kein Fall wurde in Vorarlberg bekannt). Achtzig Fälle konnten drei räumlich und zeitlich getrennten Clustern zugeordnet werden (je einer im Januar und ein weiterer von April bis Juni in Oberösterreich sowie einer im Juli/August in Tirol). Deskriptive Epidemiologie und mikrobiologische Untersuchungen ergaben Putenkebab als wahrscheinlichste Infektionsquelle für mindestens 36 Fälle. Die Rückverfolgung der Herkunft des verdächtigen Putenfleisches wies auf in Ungarn gemästete und geschlachtete Puten hin, die über einen slowakischen Lebensmittelhändler an die betroffenen Imbissstände vertrieben wurden. Im Jahr 2015 wurden von 5 weiteren Mitgliedstaaten (Deutschland, Ungarn, Luxemburg, die Niederlande und Slowenien) S. Stanley Isolate an das Europäische Surveillance System geschickt, die alle ein nicht-unterscheidbares molekularbiologisches Profil zum Ausbruchsstamm in Österreich aufwiesen.

Berichte über lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche an die EU 2015

Entsprechend dem Berichtsschema für die EU wird zwischen Ausbrüchen mit starker und schwacher Evidenz unterschieden, also ob ein bestimmtes Lebensmittel mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit als Ausbruchsvehikel gefunden werden konnte oder nur sehr vage als Ursache angenommen wurde. Für Ausbrüche mit starker Evidenz müssen z. B. eine statistisch signifikante Assoziation in einer analytisch-epidemiologischen Studie oder überzeugende deskriptive Evidenz, ein mikrobiologischer Nachweis des Ausbruchserregers bei den Fällen sowie im Lebensmittel oder im Umfeld des produzierten Lebensmittels, oder Belege aus Produktrückverfolgungen gegeben sein.

Im Jahr 2015 wurden 6 Ausbrüche (7,7 %) mit starker Evidenz an die EU berichtet; dieser Wert liegt unter jenem von 2014 (13,5 %) und 2013 (18 % der Ausbrüche mit starker Evidenz), jedoch über jenen in den Jahren davor (2 bis 4 %). 155 Ausbruchsfälle (47 %) waren in Ausbrüche mit starker Evidenz involviert, dieser niedrigere Anteil entspricht wieder früheren Jahren, nachdem 2014 der Anteil der Ausbruchsfälle mit starker Evidenz auf 76 % angestiegen war. Folgende Lebensmittel wurden als Infektionsquellen in den Ausbrüchen mit starker Evidenz identifiziert: Putenfleisch und Putenfleischerzeugnisse, Süßigkeiten und Schokolade, Schweinefleisch und Schweinefleischerzeugnisse, Rindfleisch und Rindfleischerzeugnisse, Milch sowie Lebensmittel aus Konserven.

14 Ausbrüche mit insgesamt 29 Erkrankten stehen mit Auslandsaufenthalten der Betroffenen in Verbindung.

Ausbruchsabklärung

Das Ziel der Ausbruchserhebung ist es, nicht nur den gerade stattfindenden Ausbruch zu stoppen, sondern vor allem derartige Erkrankungen in der Zukunft generell zu verhindern.

Durch detaillierte und systematische Suche kann es gelingen, sowohl das Infektionsvehikel, also jenes Lebensmittel, welches das infektiöse Agens zum Menschen übertrug, und das Reservoir, das den Lebensraum darstellt, in dem ein infektiöses Agens normalerweise lebt, ausfindig zu machen. Nur dann ist es möglich, zielgerichtete und sinnvolle Interventionen zu setzen. Diese Maßnahmen sollen darin resultieren, dass die Ausbruchsursache, nämlich der Infektionserreger, aus der Lebensmittelkette eliminiert wird und die Konsumenten diesem Agens nicht mehr ausgesetzt sind.

Schön zeigt sich das präventivmedizinische Potential einer Ausbruchsabklärung an folgendem historischen Beispiel: Im Juli 2004 ist es gelungen, einen lebensmittelbedingten Ausbruch, verursacht durch Salmonella Enteritidis Phagentyp 36, einem in Österreich sehr seltenen Salmonellentypen, von dem 38 Personen in vier Bundesländern betroffen waren, abzuklären und auf eine Legehennenherde zurückzuführen. Die Herde wurde ausgemerzt, der Betrieb gründlich gereinigt und desinfiziert; anschließend wurden neue Legehennen eingestallt. Aufgrund dieser getroffenen Maßnahmen ist in Österreich seitdem kein einziger weiterer Erkrankungsfall durch Salmonella Enteritidis Phagentyp 36 bekannt geworden.

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Abbildung: Humane Erkrankungsfälle durch S. Enteritidis Phagentyp 36, Österreich 2000-2015

Durchführung

Gemäß den Bestimmungen des Epidemiegesetzes haben die lokal zuständigen Bezirksverwaltungsbehörde durch die ihnen zur Verfügung stehenden Amtsärztinnen und Amtsärzte über jede Anzeige sowie über je den Verdacht des Auftretens einer anzeigepflichtigen Krankheit – und damit auch im Falle von lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen – unverzüglich die zur Feststellung der Krankheit und der Infektionsquelle erforderlichen Erhebungen und Untersuchungen einzuleiten. Darüber hinaus verpflichtet das Zoonosengesetz 2005 die jeweils zuständigen Behörden, lebensmittelbedingte Krankheitsausbrüche zu untersuchen und soweit möglich dabei angemessene epidemiologische und mikrobiologische Untersuchungen durchzuführen.

Die Behörden haben dabei die Möglichkeit Experten hinzu zu ziehen. Eine bloße Verstärkung von ungezielten Lebensmittelbeprobungen hat sich in der Vergangenheit wiederholt als nicht zielführend erwiesen. Bei vielen Ausbrüchen steht zum Zeitpunkt der Erhebungen das ursächliche Lebensmittel (bzw. die betroffene kontaminierte Charge des ursächlichen Produkts) für mikrobiologische Untersuchungen nicht mehr zur Verfügung.

Eine epidemiologische Studie kann in diesen Fällen Erkenntnisse bringen, die präventive Maßnahmen zur Vermeidung ähnlicher Zwischenfälle in der Zukunft ermöglichen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus erfolgreich abgeklärten nationalen und internationalen Ausbrüchen der letzten Jahre haben die Notwendigkeit und den Nutzen von epidemiologischen Abklärungen außer Frage gestellt.

Infografiken

caption
Wie kommt die Salmonelle in den Menschen?
Top-10 der wichtigsten Erreger
Lebensmittel die 2014 Ausbrüche verursacht haben

 

 

Themenbericht lebensmittelbedingte Infektionskrankheiten

In die Überwachung der Lebensmittelkette sind viele Behörden und Institutionen aus unterschiedlichen Fachgebieten involviert. Aufgrund der Komplexität und der teils unterschiedlichen Zielsetzungen ist eine umfassende, gemeinsame Betrachtung unbedingt notwendig. Der 4. Bericht aus der Reihe AGES WISSEN AKTUELL, "Lebensmittelbedingte Infektionskrankheiten", bietet diese Zusammenschau. Darüber hinaus wird beschrieben, welche Ursachen zu einer Kontamination tierischer Lebensmittel mit bestimmten Erregern führen können und welche Maßnahmen für eine Reduktion sowohl von Seiten der ProduzentInnen als auch der KonsumentInnen möglich sind.

In Österreich werden jedes Jahr rund 8.000 lebensmittelbedingte Erkrankungen im nationalen epidemiologischen Meldesystem (EMS) erfasst. Nach Definition der WHO sind durch Lebensmittel verursachte Infektionskrankheiten „Krankheiten infektiöser oder toxischer Natur, die tatsächlich oder wahrscheinlich auf den Verzehr von Lebensmitteln oder Wasser zurückgeführt werden können“.

Insgesamt sind über 250 Erreger und Toxine bekannt, die derartige Erkrankungen verursachen können. Der vorliegende Bericht beschränkt sich auf 20 Erreger, die in Österreich von Bedeutung sind (Campylobacter, Clostridium difficile, EHEC/VTEC, Listerien, Salmonellen, Shigella, Vibrionen, Yersinien, Noroviren, Rotaviren, Sapoviren, Hepatitisviren, Cryptosporidium parvum, Toxoplasma gondii, Cyclospora cayetanensis, Giardia und die Toxinbildner Staphyloccus aureus, Bacillus cereus, Clostridium botulinum, Clostridium perfringens). Erreger, die in Österreich so gut wie nicht vorkommen bzw. nur als Reisekrankheiten auftreten, wurden nicht berücksichtigt.

Über das EMS, ein flächendeckendes Surveillance-System, werden seit 2009 bakterielle und virale Lebensmittelinfektionen und -vergiftungen gemeldet. Diese Meldezahlen müssen jedoch differenziert betrachtet werden: Zahlreiche Faktoren können zu einer Unterschätzung der tatsächlichen Erkrankungszahlen führen („underdetection/underreporting“). Je nach Erreger ist die Datenlage oft unterschiedlich gut: Für Salmonellen beispielsweise liegen Daten aus europaweiten Grundlagenstudien, Überwachungs- und Bekämpfungsprogrammen vor. Der Rückgang von Salmonellose-Erkrankungen ist ein Effekt von Maßnahmen, die aufgrund dieser Datenlage durchgeführt werden. Toxoplasmose hingegen ist nicht meldepflichtig, obwohl neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf einen Zusammenhang mit Lebensmittel hinweisen. All diese Faktoren müssen bei der Einschätzung der tatsächlichen Bedeutung einer Krankheit für die öffentliche Gesundheit berücksichtigt werden.

AGES WISSEN AKTUELL 4/2016: Lebensmittelbedingte Infektionskrankheiten


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