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Erfolgreiche Aufklärung durch AGES verhinderte mehr Krankheitsfälle

Im derzeit laufenden Listerienprozess am Landesgericht für Zivilrechtssachen Wien (GZ 33 Cg 23/13i) wurde von der Finanzprokuratur ein Vergleich für die Republik Österreich abgeschlossen. Um im Wege der Amtshaftung weitere Schadenersatzforderungen gegen Einrichtungen des Bundes und der Länder auszuschließen, wurden aus prozessökonomischen Gründen auch das Land Steiermark, die Stadt Wien im Rahmen der Lebensmittelaufsicht und die AGES in diesen Vergleich einbezogen. Das Verfahren ist ohne irgendeine Zahlung der AGES beendet worden.

Der AGES sind im Rahmen der Aufklärung des Listerien-Ausbruchs 2009 keinerlei Unterlassungen vorzuwerfen. Von Einlangen der ersten Proben bis zur erfolgreichen Identifikation der Quelle des Listerienausbruchs hat die AGES korrekt und pflichtgemäß gehandelt. Durch die erfolgreiche Abklärung der AGES ist es erst gelungen, die Quelle des Listerien-Ausbruchs aufzudecken und dadurch weitere Krankheitsfälle zu verhindern.

Ausbruchsabklärung durch die „Lebensmittel-Detektive“ der AGES

Die Abklärung von lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüchen, die durch Listerien verursacht werden, gehört zu den schwierigsten Aufgaben in diesem Bereich. Wissenschaftliche Beiträge in renommierten Fachjournalen beschreiben daher auch immer wieder Ausbruchsabklärungen, bei denen das ursächliche Lebensmittel nicht gefunden werden konnte (2010 beispielsweise berichteten belgische ExpertInnen im hochangesehenen Online-Fachjournal Eurosurveillance über eine Häufung von 11 Fällen mit genetisch identischen Listerienstämmen in den Jahren 2006/2007, deren Ursache nicht aufgeklärt wurde: http://eurosurveillance.org/images/dynamic/EE/V15N06/art19482.pdf; ebenfalls im Jahr 2010 berichteten dänische Experten im selben Journal über einen lebensmittelbedingten Ausbruch mit acht Fällen im Jahr 2009, die ebenfalls nicht aufgeklärt werden konnten (http://eurosurveillance.org/viewArticle.aspx?ArticleID=19522).

Der Zeitraum zwischen Infektion und Erkrankung beträgt bei Listerien im Schnitt drei Wochen, kann aber auch bis zu 70 Tage betragen. Ein kontaminiertes Lebensmittel ist nach dieser Zeit nicht mehr vorhanden, Patienten/-innen können sich nicht daran erinnern, was genau sie vor drei Wochen oder noch früher gegessen haben. Dies erklärt, warum Routineuntersuchungen der für die Abklärung von lebensmittelbedingten Krankheiten zuständigen Bezirksverwaltungsbehörden/Magistrate oft erfolglos bleiben müssen.

Vor diesem Hintergrund ist es umso beachtlicher, dass die AGES besagten Listerienausbruch mittels epidemiologischer Untersuchungsmethoden (Fall-Kontroll-Studie) abklären konnte: Das Sammeln und Auswerten von Einkaufsbelegen von genesenen Patienten und die darauf aufbauende Fall-Kontroll-Studie haben schlussendlich den entscheidenden Hinweis auf den Hartberger Quargel geliefert. Das Sammeln und Auswerten von Einkaufsbelegen von genesenen Patienten wurde im Rahmen der Ausbruchsabklärung überhaupt erst entwickelt und erstmalig eingesetzt. Diese innovative Methode einerseits und die in den vergangenen Jahren innerhalb der AGES gebündelte Kompetenz haben diesen Erfolg möglich gemacht.

Zitat aus dem Gutachten des Sachverständigen aus dem Verfahren vom 25.8.2010, Seite 80:
„Die AGES, Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, vertreten durch Prof. Allerberger und seine Gruppe, hat durch einen sehr wirksamen Einsatz von epidemiologischer Datenkombination mit molekularbiologischer Analytik eine sehr effiziente Leistung vollbracht haben, indem sie ungewöhnlich rasch und durch besonderes Bemühen und Kommunikation zum Ministerium und den Landessanitätsdirektionen womöglich noch Menschenleben gerettet.“

Gut vorbereitet

Eine wesentliche Aufgabe in der Präventionsarbeit zur Verhinderung von lebensmittelbedingten Infektionskrankheiten besteht darin, sowohl durch die molekulargenetische Feintypisierung als auch die Erhebung epidemiologischer Daten etwaige Ausbrüche rasch zu erkennen, um damit eine Grundlage für gezielte Präventionsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit den lokalen Gesundheitsbehörden zu schaffen.

Gerade bei Listerien nimmt die AGES eine Vorreiterrolle in Europa ein: In der AGES werden seit 2008 sowohl Humanisolate als auch Lebensmittelisolate im selben Labor untersucht – in den anderen europäischen Ländern ist das nicht der Fall. Im Referenzlabor werden die gleichen modernen Verfahren für Lebensmittelisolate (z. B. Erstellung des genetischen Fingerabdrucks) durchgeführt. Die Erstellung des genetischen Fingerabdrucks von Human- und Lebensmittelisolaten kann im günstigsten schnell zur Quelle der krankmachenden Keime führen. Im Regelfall findet sich allerdings für humane Erkrankungsfälle kein „passendes Lebensmittel“ in der Datenbank.
Auf europäischer Ebene gibt es erst seit 2013 ein Pilotprojekt, an dem sechs der 28 Mitgliedstaaten teilnehmen: Für jedes Listerien-Humanisolat wird ein genetischer Fingerabdruck erstellt, um Häufungen (Ausbrüche) erkennen zu können. Seit 2012 läuft ein weiteres Pilotprojekt nur mit Lebensmittelisolaten, in dem acht Mitgliedstaaten versuchen, einheitliche Typisierungsmethoden zu erarbeiten. Fernziel ist auf europäischer Ebene, diese beiden Datenbanken einmal zu kombinieren. In der AGES funktioniert dieses System bereits seit Jahren.

Auch bei der Methodenentwicklung ist die AGES federführend in Europa: Ein von der AGES-Mitarbeiterin Ariane Pietzka schon vor dem Quargel-Ausbruch erarbeitetes neues Screening-Verfahren ermöglichte es im Rahmen der Ausbruchsklärung, Listerien-Isolate binnen weniger Stunden grob zu typisieren (klassische Feintypisierungs-Verfahren brauchen dafür mehrere Tage). Diese 2011 mit dem Österreichischen Hygienepreis der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin ausgezeichnete so genannte Schmelzkurvenanalyse stellt eine schnelle und kostengünstige Methode dar, die vor allem im Fall eines Ausbruchs noch am Tag des Probeneingangs ein Ergebnis liefern kann.

AGES hat aufgeklärt

Die Abklärung von Listeriose-Ausbrüchen ist im Regelfall extrem schwierig:
•    Der Zeitraum zwischen Infektion und Erkrankung beträgt bei Listerien im Schnitt drei Wochen, kann aber auch bis zu 70 Tage betragen. Ein kontaminiertes Lebensmittel ist nach dieser Zeit nicht mehr vorhanden, die Patienten/-innen können sich nicht daran erinnern, was genau sie vor drei Wochen oder noch früher gegessen haben.
•    Durch Listerien verursachte Erkrankungen sind relativ selten und treten meist nur als Einzelfälle auf. Ohne die genaue Kenntnis des genetischen Fingerprints verschiedener Erreger und die Sammlung in Datenbanken ist es meist unmöglich, Verbindungen zwischen Listeriose-Fällen zu entdecken.
•    Ist eine Häufung eines bestimmten Listerien-Subtyps erkannt, muss man versuchen, die Quelle der Infektion auszumachen. In vielen Fällen gelingt das niemals; im gegenständlichen Fall hat erst die Entwicklung einer neuen Erhebungs-Methode - das Sammeln der Einkaufsbelege – den Durchbruch ermöglicht. Diese Befragungs-Methode (Erhebung von Verzehrsgewohnheiten anstelle von Verzehrsanamnesen) hat sich mittlerweile auch in anderen Mitgliedstaaten durchgesetzt.

Nachdem im August 2009 in drei PatientInnen-Isolaten ein identischer Ausbruchsstamm festgestellt worden war, wurden die zuständigen Bezirksverwaltungs-Behörden von der möglichen Häufung informiert, die durchgeführten Untersuchungen erbrachten jedoch keinen Hinweis. Nach mehreren Wochen ohne neue Erkrankungsfälle wurde Ende Oktober mit fünf Fällen die Schwelle erreicht, die AGES-intern für Durchführungen von epidemiologischen Fall-Kontroll-Studien festgelegt ist. Die dementsprechende Meldung des Verdachts auf einen bundesländerübergreifenden lebensmittelbedingten Krankheitsausbruch mit dem Ersuchen um Beauftragung zur epidemiologischen Abklärung wurde am 27.10.2009 gestellt. Am 15. Jänner 2010 wurde den zuständigen Behörden mitgeteilt, dass aufgrund der Fall-Kontroll-Studie Hartberger Quargel als Ursache des Erkrankungsausbruchs angesehen werden muss, der erste mikrobiologische Nachweis des Erregers im Lebensmittel traf erst am 19. Jänner 2010 ein. Im Jahr 2009 waren im Rahmen von Routineuntersuchungen zwei Lebensmittelproben des Quargelproduzenten auf Listerien untersucht worden, beide Proben erwiesen sich damals als frei von Listerien, was aufgrund inhomogener Verteilung des Krankheitserregers im Lebensmittel nicht verwunderlich ist. Zwei Drittel der nach Ausbruchsklärung gezogenen Proben des ursächlichen Quargelprodukts erwiesen sich als frei von Listerien, „nur“ eine von drei Quargelpackungen war kontaminiert.

Die erfolgreiche Ausbruchsabklärung belegt, dass Fall-Kontroll-Studien – wie sie von der AGES den für Ausbruchsabklärung zuständigen Behörden als Unterstützung angeboten werden - auch in Österreich von Nutzen sind.

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