ERSTELLT: 06.07.2010

Rotwild – ein Erregerreservoir für das Bovine Virus Diarrhoe Virus?

Einleitung

Beim Krankheitskomplex Bovine Virus Diarrhoe/Mucosal Disease (BVD/MD) handelt es sich um eine weltweit verbreitete Viruserkrankung, die massive wirtschaftliche Schäden in der Rinderhaltung verursacht. Hervorgerufen wird diese Infektionskrankheit durch das Bovine Virus Diarrhoe Virus (BVDV), Genus Pestivirus aus der Familie der Flaviviridae. Diese Viren sind in der Wiederkäuerpopulation weltweit verbreitet und können auch speziesspezifische Barrieren durchbrechen. Seit 2004 wird in der österreichischen Rinderhaltung, wie auch in anderen europäischen Ländern, ein auf gesetzlicher Basis bestehendes Bekämpfungsprogramm umgesetzt (BGBl. II Br. 178/2007). Gerade in der Endphase der Bekämpfung ist die Frage nach einem möglichen Erregerreservoir, speziell in der Wildtierpopulation, von großer Bedeutung.

Rinder und Rotwild (Cervus elaphus) können gerade auf Weiden oder Almen direkt oder indirekt miteinander in Kontakt kommen, sodass eine Erregerübertragung zwischen diesen beiden Tierarten möglich wird. In mehreren europäischen Ländern wie auch in den USA konnten Hinweise auf eine Übertragung von Pestiviren zwischen Rindern und Wildwiederkäuern festgestellt werden.
Am Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen der AGES in Innsbruck wurde im Zuge einer nunmehr vorliegenden Studie die Prävalenz von BVDV in der österreichischen Rotwildpopulation mittels Virusnachweis aus Ohrgewebsproben erhoben.

Material und Methode

Zwischen 2007 und 2009 wurde bei österreichischem Rotwild im Rahmen eines amtlich angeordneten Überwachungsprogramms auf Chronic Wasting Disease bei insgesamt 567 Tieren aus freier Wildbahn sowie bei 133 aus Gatterhaltung neben Gehirnproben auch aus den eingesandten Ohren jeweils eine Ohrgewebsprobe pro Tier entnommen. Das vom Bundesministerium für Gesundheit amtlich angeordnete Überwachungsprogramm auf Chronic Wasting Disease basiert auf einem statistisch abgesicherten Stichprobenplan, der den Rotwildbestand in allen neun Bundesländern berücksichtigt. Im Labor wurden die Ohrgewebsproben mittels HerdCheck-BVDV-Antigen-ELISA und kommerzieller Real-time RT-PCR auf BVDV untersucht.

Ergebnisse

Bei allen 700 untersuchten Gewebeproben konnte mittels ELISA und Real-time RT-PCR kein BVDV nachgewiesen werden.

Diskussion und Schlussfolgerungen

Serologische Studien über die Verbreitung des BVDV in Wildtieren ergaben beim Rotwild in Deutschland und Italien Prävalenzen von ca. 5 %. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass Infektionen auch bei österreichischem Rotwild vorkommen. In einer Untersuchung aus dem Jahre 2004 wurde bei einem Rotwild aus dem Bundesland Kärnten ein serologischer Hinweis auf eine BVDV-Infektion festgestellt.

In unserer Studie wurde erstmalig ein repräsentatives Stichprobenmaterial aus dem gesamten Bundesgebiet auf das BVDV mit sehr sensitiven Labormethoden untersucht. Aufgrund des vorliegenden negativen Ergebnisses ist eine epidemiologische Abschätzung der Interaktion zwischen Wildwiederkäuern und Weiderindern möglich.

Für effektive Kontrollprogramme ist das Wissen über die Dynamik von komplexen Infektionen aus Reservoiren außerhalb der Zielpopulation von Bedeutung. Unsere Befunddaten sprechen dafür, dass eine persistente Virämie bei österreichischem Rotwild, wenn überhaupt, äußerst selten vorkommt. Daraus lässt sich rückfolgernd schließen, dass das Virus in der Rotwildpopulation nicht selbstzirkulierend vorliegt und das österreichische Rotwild kein Erregerreservoir für das BVDV darstellt. Eine Übertragungsmöglichkeit des Virus von Rotwild auf Rinder ist als äußerst gering einzuschätzen.

Kontakt:

AGES – Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Innsbruck
Technikerstraße 70
6020 Innsbruck

Dr. Walter Glawischnig
Dr. Karl Schöpf

Tel: +43 (0)50 555-71340
Fax: +43 (0)50 555-71333
E-mail: walter.glawischnig@ages.at
Sonstige Anfragen: vetmed.innsbruck@ages.at

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