ERSTELLT: 27.09.2010

Radioaktive Belastung von Wildbret

Einführung

Am 26. April 1986 ereignete sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Die dort freigesetzte Radioaktivität wurde teilweise mit dem Wind davongetragen. Gewitter und Niederschläge wuschen die Radionuklide aus der Atmosphäre aus und verfrachteten sie auf die Erde, wo sie sich in Böden und Pflanzen anreicherten. Für die Strahlenexposition knapp 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl ist in Mitteleuropa nur noch das langlebige Cäsium(Cs)-137 (Halbwertszeit ca. 30 Jahre) von Bedeutung. Frisch abgelagerte Radionuklide befinden sich auf der Bodenoberfläche und werden durch weitere Niederschläge allmählich in tiefere Schichten gespült. In ungestörten Böden beträgt die Eindringtiefe einige Zentimeter.

Besonderheit Ökosystem Wald

Das Verhalten von Cäsium-137 in Waldböden unterscheidet sich grundlegend von dem in Wiesen- und Ackerböden. In Ackerböden fehlt die organische Auflageschicht des Waldes. Radionuklide werden durch Pflügen in den Oberboden eingemischt. Der hohe Gehalt an Ton und Mineralstoffen führt zu einer zunehmenden Bindung des radioaktiven Cäsiums an Tonmineralien. Es ist somit für Pflanzen nicht verfügbar und kann nicht in die Nahrung gelangen.

Der unbearbeitete Waldboden dagegen hält das Cäsium-137 verfügbar. Der größte Teil bleibt in der gut durchwurzelten Humusauflage und kann von Pflanzen und Pilzen gut aufgenommen werden. Diese Schicht bedeckt den Mineralboden. Der Wald bildet somit einen geschlossenen Stoffkreislauf, in dem die durch Zersetzung frei gewordenen Nährstoffe gleich wieder über die Wurzeln aufgenommen werden.

Belastung von Wild

Wildtiere speichern Cäsium entsprechend der Verteilung des chemisch ähnlichen Kaliums vor allem in der Muskulatur. Viele Waldpflanzen, die Nahrung wild lebender Tiere sind, beziehen ihre Nährstoffe aus der oberflächennahen Bodenschicht mit den höchsten Cäsiumgehalten. Je nach Jahreszeit nehmen Wildtiere unterschiedliche Mengen an Cäsium auf. Generell liegt das Minimum eher im Frühjahr, das Maximum im Herbst und zu Winterbeginn. Auf Grund der Zufütterung nehmen die Tiere in der kalten Jahreszeit hauptsächlich unbelastete Nahrung auf. Bedingt durch das unterschiedliche Fressverhalten schwankt die radioaktive Belastung von Wildfleisch stark. Tiere, die immer im Wald bleiben, weisen höhere Konzentrationen auf als solche, die auch Pflanzen von Wiesen und Feldern zu sich nehmen. Wildschweine können von allen Waldtieren am höchsten belastet sein, zurückzuführen ist dies höchstwahrscheinlich auf das Wühlen in der oberen Waldbodenschicht und die Aufnahme von Nahrungsbestandteilen, die stark mit Cäsium belastet sind (z. B. Hirschtrüffel). Aus diesem Grund ist Gatterwild, das ganzjährig gefüttert wird, generell weniger mit Radiocäsium belastet als freilebendes Wild.

Aktuelle Erhebung durch AGES

Da die Gehalte an Radiocäsium von Wildbret aus natürlichem Lebensraum deutlich höher sein können als z. B. von Produkten aus landwirtschaftlicher Nutzung, beauftragte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die AGES, die aktuellen Gehalte von Radiocäsium im Wildfleisch aus österreichischen Waldgebieten im Rahmen eines Projektes zu erheben. Dabei wurde der Schwerpunkt auf Wildtiere (kein Wild aus Gatterhaltung) aus natürlichen Waldgebieten gelegt, die höhere Gehalte von Cs-137 im Boden aufweisen.

Das Projekt startete im Oktober 2007. Insgesamt wurde das Muskelfleisch von 43 Gamswild-, 14 Mufflon-, 217 Reh-, 107 Rotwild-, 7 Sikawild-, 79 Wildschwein-, 1 Fasan-, 16 Feldhasen-, 1 Steinwild- und 5 Wildkaninchenproben untersucht. Die Proben wurden vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien organisiert und der AGES zur Verfügung gestellt.

Ergebnisse

Die Aktivitätskonzentrationen in den untersuchten Wildproben liegen zwischen der Nachweisgrenze (NWG) und knapp 6000 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg). Die Nachweisgrenze liegt dabei unter einem Bq/kg. 20 der untersuchten 492 Proben hatten Aktivitätskonzentrationen über dem Grenzwert von 600 Bq/kg.

In der Tabelle  sind die Werte einiger Wildarten zusammengefasst:

Cs-137 [Bq/kg]

Wildschwein

Sikawild

Rotwild

Reh

Mufflon

Gamswild

Minimum

< NWG

9

< NWG

<NWG

< NWG

< NWG

Maximum

5795

225

404

3021

206

387

Median

10

63

6

13

65

41

Mittelwert

250

81

23

126

69

85

Mögliche Strahlenexposition durch den Verzehr von Wildfleisch

Die Jahresdosis für Einzelpersonen in Österreich durch die Aufnahme von natürlichen Radionukliden mit der Nahrung beträgt ca. 0,3 Millisievert pro Jahr (mSv/a). Die Jahresdosis durch die natürliche Exposition (Nahrung, Radon und externe Bestrahlung) insgesamt beträgt ca. 2,9 mSv/a. Zum Vergleich wird im Folgenden die Dosis durch den Verzehr von Wildfleisch dargestellt.

In untenstehender Tabelle sind die 5 Wildfleischproben mit den höchsten Cäsium-137 zusammen mit der jeweils abgeschätzten Ingestionsdosis angegeben.

Probe

Cs-137

Bq/kg

Dosis durch den Verzehr von 10 Portionen im Jahr in mSv/a

Wildschwein

5795

0,19

Reh

3021

0,1

Wildschwein

3014

0,1

Reh

2842

0,09

Wildschwein

2282

0,07

Der Anteil der Dosis auf Grund des Verzehrs von selbst stark belastetem Wildfleisch liegt bei maximal zehn Prozent der Jahresdosis in Folge natürlicher Exposition. Oder anders ausgedrückt, eine Person müsste 12 Portionen Wildgericht von jenem Wildbret mit der höchsten Cs-137 Belastung im Jahr zu sich nehmen, um die gleiche Jahresdosis durch Cs-137 zu bekommen, wie sie durch die Aufnahme von natürlichen Radionukliden mit der sonstigen Nahrung erhalten wird.

Die Projektergebnisse beziehen sich ausschließlich auf Wild aus natürlichem Lebensraum. Wild aus Gatterhaltung, das einen beträchtlichen Anteil des in Österreich verzehrten Wildfleischs ausmacht, wird an der AGES ebenfalls regelmäßig auf Radioaktivitätsgehalte geprüft. Hierbei traten in den vergangenen Jahren keine Grenzwertüberschreitungen auf.

Grundsätzlich sollte jede Strahlenbelastung so gering wie möglich gehalten werden. Die Strahlenexposition durch den Verzehr von Nahrungsmitteln lässt sich durch das individuelle Ernährungsverhalten reduzieren. Wer für sich persönlich die Strahlenbelastung so gering wie möglich halten möchte, kann deshalb auf den Verzehr von vergleichsweise hoch kontaminiertem Wildbret verzichten.

Bericht "Erhebung der radioaktiven Belastung von Wildbret"

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