Bakterieller Feuerbrand bedroht österreichische Obstwirtschaft

Hakenförmig gekrümmter Trieb
Hakenförmig gekrümmter Trieb
Mit Feuerbrand infizierter Apfelbaum
Mit Feuerbrand infizierter Apfelbaum

Die 7,7 Millionen Apfel- und Birnbäume Österreichs sowie die 7.500 Hektar heimische Kernobstanlagen werden von der hochinfektiösen und schwer zu bekämpfenden Krankheit Feuerbrand bedroht: Der bakterielle Erreger kann die befallenen Kernobstbäume innerhalb kurzer Zeit zerstören. Im vergangenen Jahr hat sich Feuerbrand in Österreich stark ausgeweitet und in diesem Jahr auch erstmals in der "Apfelkammer" Österreichs, der Steiermark, zu Rodungen ganzer Obstbauanlagen geführt. Da in Österreich nur unzureichende Pflanzenschutzmittel gegen Feuerbrand zugelassen sind, sind rigorose Rodungen oder Rückschnitte von Stämmen und Ästen das einzig wirksame Mittel zur Eindämmung der Krankheitsverbreitung.

Knapp eine halbe Milliarde Euro Schaden, wenn Erwerbs-Kernobstbau in Österreich stirbt

Insgesamt erzeugen die rund 3.000 österreichischen Kernobstbau-Betriebe Äpfel, Birnen und Quitten im Wert von 261 Millionen Euro. Hauptanbaugebiet ist die Steiermark, in der 4.500 Hektar Apfelbaumanlagen bewirtschaftet werden.
Im Erwerbsobstbau ist bei Feuerbrand-Befall mit Rodungs- und Neupflanzungskosten von 25.000,- Euro pro Hektar zu rechnen. Zählt man darüber hinaus den Ernteausfall hinzu, so entstehen pro gerodetem Hektar Kosten von insgesamt 45.000,- bis 60.000,- Euro. Die völlige Vernichtung aller Erwerbs-Kernobstanlagen in Österreich und deren Neubepflanzung inklusive Ernteentgang würde einen Schaden von bis zu einer halben Milliarde Euro bedeuten.

Feuerbrand meldepflichtig

Die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, AGES, mahnt alle Obstbaum-Besitzer zur besonderen Vorsicht. Dr. Bernhard Url, Geschäftsführer der AGES und Direktor des Bundesamtes für Ernährungssicherheit: "Feuerbrand ist wegen seiner hohen Ansteckungsgefahr und der schwierigen Bekämpfungssituation die zur Zeit gefährlichste Krankheit in der europäischen Obstbauwirtschaft.
Feuerbrand zählt zu den so genannten "Quarantänekrankheiten" und ist meldepflichtig. Wenn bei Pflanzen eine Feuerbrand-Infektion vermutet wird, muss umgehend der Feuerbrandbeauftragte der Gemeinde, der Feuerbrandsachverständige des Bezirkes oder der Landespflanzenschutzdienst im jeweiligen Bundesland verständigt werden."

Auch Private müssen kontrollieren

Feuerbrand betrifft nicht nur Bäume in Obstbaubetrieben, sondern kann überall auftreten: "Jeder Kernobstbaum und viele Ziergehölze wie Weißdorn, Feuerdorn, Eberesche, Mispel und Zierquitte sind potenzielle Wirtspflanzen für Feuerbrand-Erreger. Ich fordere alle privaten Besitzer dieser Gewächse auf, ihren Holzbestand zu beobachten und Verdachtsfälle zu melden. Denn auch ein einzelnes befallenes Gewächs kann einen "Flächenbrand" auslösen beziehungsweise jeder frühzeitig erkannte und entfernte Gefahrenherd die Verbreitung eindämmen." Die AGES stellt ab sofort In-formationsmaterial über Feuerbrand in ganz Österreich zur Verfügung und vermittelt die richtigen Ansprechpersonen in den einzelnen Bundesländern.

Baumschulen bedroht

Auch die österreichischen Baumschulen fürchten die Verbreitung von Feuerbrand: Nach Angaben des Baumschulverbandes sind in Österreich mindestens 70 Prozent der 1.400 Hektar durch die hoch ansteckenden Krankheit gefährdet.

Jede zweite Verdachtsprobe positiv

Die Probenahme erfolgt meist durch den Feuerbrandbeauftragten der Gemeinde. In Plastiksäcken verpackt werden die Proben auf schnellstem Wege an die AGES weitergeleitet. "Auf diese Weise hat die AGES in diesem Jahr bereits 2.170 Verdachtsproben untersucht, bei 913 Proben haben wir Feuerbrand bestätigt." so Url.

Ende des Erwerbsobstbaues in Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich leiden

Der wirtschaftliche Schaden ist enorm: In Vorarlberg, wo 1993 erstmals in Österreich Feuerbrand entdeckt wurde, sind 83 Prozent der 40 Hektar Intensiv-Obstanlagen stark befallen und 15 Prozent bereits gerodet. Die meisten vorarlberger Obstbauern planen die Einstellung ihrer Betriebe. Mit dem Ende des Obstanlagenbaues im westlichsten Bundesland muss gerechnet werden, wenn durch Rodungen nicht gegengesteuert werden kann.
Auch Tirol ist zunehmend von der Verbreitung von Feuerbrand betroffen: 3,5 Prozent der Erwerbsanbaufläche wurden alleine in diesem Jahr gerodet. In manchen Gemeinden musste sogar der gesamte Obstbaumbestand vernichtet werden.
In Oberösterreich, wo der Obstbau vor allem in extensiven Anlagen (hohe Obstbäume, die in großen Abständen angepflanzt wurden) betrieben wird, gab es im Jahr 2001 knapp 900 befallene Obstbäume, im Jahr 2002 bereits über 40.000. Ein weiterer Anstieg der Befallszahlen in diesem Jahr ist zu befürchten. Befallsmeldungen kommen aus allen Bezirken Oberösterreichs.

Steirischer Apfel: Gefahr droht in den nächsten zwei bis drei Jahren

Feuerbrand verbreitet sich immer stärker in Richtung Ostösterreich und bedroht das größte Apfelanbaugebiet Österreichs, die Steiermark. In diesem Jahr haben zuständige Spezialisten des Landes bereits fünf Hektar Obstanlagen in vier verschiedenen Gemeinden gerodet. Gemessen an den insgesamt 5.900 Hektar Kernobstanlagen erscheint dies gering. Wenn jedoch dem Feuerbrand nicht gegengesteuert wird, könnten in den nächsten zwei bis drei Jahren - bei ähnlicher Verbreitungsgeschwindigkeit wie in Oberösterreich - 200 bis 300 Hektar Obstbäume befallen sein. Feuerbrandmeldungen kamen heuer bereits aus 149 der 543 Gemeinden.
In Salzburg sind die diesjährigen Befallszahlen ebenfalls alarmierend: Drei Viertel aller Mostbirnbäume in Salzburg zeigen Feuerbrand-Symptome. Das Bundesland schätzt, dass 7.000 Bäume in 54 von 119 Gemeinden befallen sind.
Kärnten, Niederösterreich und das Burgenland sind bis heute nur vereinzelt von Feuerbrand betroffen. Falls die Verbreitung dort nicht gestoppt wird, erwartet die AGES in diesen Bundesländern im kommenden Jahr ebenfalls stark steigende Befallszahlen. In Wien sind zur Zeit keine Fälle von Feuerbrand bekannt.

Von den USA 1957 nach Europa

Das Ursprungsland von Feuerbrand sind die USA. Von dort kamen 1957 die ersten Erreger nach Europa. Heute ist die Krankheit in nahezu allen europäischen Ländern in Erscheinung getreten und tritt nun verstärkt im Nahen Osten (Türkei, Jordanien, Israel, Libanon, Armenien und Iran) in Erscheinung. Seit 1993 zählt auch Österreich zu den mit Feuerbrand befallenen Ländern.

Merkmale der Krankheit

Zu den von Feuerbrand gefährdeten Hauptwirtspflanzen zählen Apfel-, Birnen- und Quittenbäume sowie zahlreiche Ziergehölze. Die Symptome sind nicht einfach zu erkennen: Blätter und Blüten befallener Pflanzen welken plötzlich und verfärben sich braun oder schwarz. Infizierte Triebe erscheinen zunächst fahlgrün und vertrocknen unter einer Braun- bis Schwarzfärbung. Dabei krümmen sich die Triebspitzen oft hakenförmig nach unten. Bei feuchtem Wetter treten aus den Befallsstellen weißliche, später braun werdende Tropfen klebrigen Bakterienschleims. Unter der Rinde frisch befallener Bäume ist das Holz meist rotbraun verfärbt und von klebrigen Bakterienschleim durchsetzt, der aus der Rinde hervorbricht. Die Verbreitung von Feuerbrand erfolgt meist im Nahbereich durch Regen, Wind, Insekten oder Schnittwerkzeuge.

Bekämpfungsmaßnahmen

Die wirkungsvollste Maßnahme stellt die mechanische Bekämpfung dar. Bei Feuerbrand-Befall müssen stark geschädigte Pflanzen sofort gerodet und an Ort und Stelle verbrannt werden, da der Erreger auch an gerodetem Holz monatelang am Leben bleiben kann. Bei weniger geschädigten Pflanzen genügt unter gewissen Umständen das Ausschneiden erkrankter Äste.
Um eine Verschleppung der Krankheit zu verhindern, empfiehlt die AGES, bei allen Arbeiten in befallenen Anlagen Schnittwerkzeuge, Hände und Schuhwerk ausnahmslos zu desinfizieren. Der Einsatz des einzigen als hochwirksam bekannten Antibiotikums Streptomycinsulfat als Bekämpfungsmittel ist derzeit in Österreich nicht genehmigt und aufgrund möglicher Rückstandsbelastung in Honig umstritten.

Die Rolle der AGES im Kampf gegen Feuerbrand

AGES-Feuerbrandexperten vertreten in ihrer Funktion als Entsandte des Bundesamtes für Ernährungssicherheit und damit als Mitglieder im Ständigen Ausschuss für Pflanzenschutz der Europäischen Union die Interessen Österreichs in Bezug auf Feuerbrand. Die AGES führt Laboruntersuchungen für die seitens der EU erforderlichen Monitorings über Befall mit Feuerbrand durch und koordiniert entsprechende Aktivitäten. Des weiteren werden - teilweise in Kooperation mit den Bundesländern und Berufsverbänden - Freilandversuche zu alternativen Kontrollmethoden realisiert.

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