Kleiner Kohltriebrüssler (Ceutorhynchus pallidactylus)
Einleitung
Es gibt mehrere Arten von Rüsselkäfern, deren Larven in den Stängeln von Kreuzblütlern leben. Am häufigsten anzutreffen ist Ceutorhynchus pallidactylus (alter Name C. quadridens [Panzer 1795]), welcher auch Kleiner oder Gefleckter Kohltriebrüssler genannt wird. Daneben kommt in wechselnder Anzahl Ceutorhynchus napi vor, der den Namen Rapsstängelrüssler oder Großer Kohltriebrüssler führt. Vereinzelt wird auch noch Ceutorhynchus picitarsis, der schwarze Kohltriebrüssler erwähnt. Da die Lebensweise dieser Arten ähnlich ist, werden sie im Folgenden gemeinsam behandelt.
Schadorganismus
Der Kopf des nur 3 mm messenden Kleinen Kohltriebrüsslers ist rüsselförmig verlängert und trägt gekniete, 7-gliedrige Fühler. Seine dunkelbraune Körperoberfläche ist stark sklerotisiert und von bräunlichen Schuppenhaaren in verschiedenen Farbtönen unregelmäßig bedeckt, was ihm ein geflecktes Aussehen verleiht. Die letzten Fußglieder sehen rötlichbraun aus und tragen am Ende gespaltene Krallen. Hinter dem Halsschild ist ein ockerfarbener Fleck aus hellen Schuppenhaaren sichtbar. Der hintere Abschnitt der Flügeldecken ist von feinen Raspelzähnchen bedeckt. Die erwachsenen Käfer überwintern an geschützten Stellen, wie der Bodenstreu von Gebüschen, Waldrändern oder Hecken. Sobald die Lufttemperaturen 12 °C übersteigen, beginnen die Weibchen zu fliegen und ihre Wirtspflanzen aufzusuchen. Dies ist meist ab März der Fall. Nach einem etwa 10-tägigen Reifungsfraß werden zur Eiablage Löcher in den stängelnahen Bereich von Blattrippen genagt. Im Anschluss daran wendet sich das Weibchen und legt jeweils 3-4 Eier in jede dieser Höhlungen - danach verheilt das Gewebe wieder. Die durchsichtigen Eier sind völlig im Blattgewebe verborgen. Jedes Weibchen legt auf diese Weise durchschnittlich 150 Eier. Nach ca. 6 Tagen schlüpfen beinlose Larven, welche eine hellbraune Kopfkapsel tragen und beginnen im Inneren der Stängel zu fressen. Dabei legen sie Fraßgänge an, in denen sie sich langsam Richtung Boden vorarbeiten.
Zur Verpuppung verlassen die Larven ihre Wirtspflanze und verwandeln sich in einer kleinen, selbst gegrabenen Erdhöhle zur Puppe. Noch im Juni des gleichen Jahres schlüpfen daraus wiederum Käfer, die sich aber erst im nächsten Jahr fortpflanzen: die Eierstöcke der Weibchen sind nämlich noch nicht entwickelt und bedürfen niederer Wintertemperaturen, um funktionsfähig zu werden. Während sich die Hauptmasse der Käferlarven im zeitigen Frühjahr an Raps entwickelt, können Nachzügler etwas später im Jahr an Kohlgemüse, Radieschen oder Kren gefunden werden.
Im Gegensatz dazu ist der nah verwandte Rapsstängelrüssler mit 4 mm Körperlänge deutlich größer als der zuvor beschriebene Kleine Kohltriebrüssler. Auch ist sein Körper mit regelmäßig angeordneten weißlichen Schuppenhaaren bedeckt, so dass er grau gestreift erscheint. Er fliegt einige Tage früher und legt jeweils ein Ei in jedes Fraßloch im Stängel seiner Wirtspflanze und nicht in die Blattstiele. Bei der Eiablage sondert jedes Weibchen einen Stoff ab, der das Pflanzengewebe zu Gewebswucherungen anregt. Auch schlüpfen fertige Käfer erst nach der Überwinterung aus ihrer Puppenwiege und nicht bereits im Frühsommer nach der Larvenentwicklung.
Der ebenfalls in Rapsfeldern lebende bis 3,5 mm messende Kohlschotenrüssler erlangt durch feine weiße Schuppenhaare ebenfalls ein graues Aussehen, zeigt aber eine zarte Mittellinie am Halsschild. Da er erst ab der Blütezeit von Raps fliegt, ist eine Verwechslung jedoch unwahrscheinlich.
Symptome
Die Art der entstehenden Schäden richtet sich nach der betrachteten Schädlingsart, der Jahreszeit und dem Entwicklungsstadium der jeweiligen Wirtspflanze. An Rapsstängeln sind im April und Mai Fraßgänge samt Käferlarven zu finden. Oft leben in jedem Stängel zahlreiche Larven, so dass solche Triebe dann richtiggehend ausgehöhlt erscheinen. Da es beim Rapsstängelrüssler zu einer Verkrümmung des Triebes und einem Aufplatzen des Stängels kommt, wachsen solche Pflanzen schlechter und bleiben im Ertrag stark zurück. Im Gegensatz dazu sind die Schäden beim Kleinen Kohltriebrüssler geringfügiger. Gelegentlich werden später im Jahr auch noch Blattstiele von Kohlgemüse, selten auch Radieschenknollen von den Käferlarven befallen. Der Larvenfraß im Frühjahr hat für Kohlgemüse aber nur geringe Bedeutung. Hochgradig gefährdet sind hingegen Kohlsamenträger, da sie nach Larvenfraß leicht zu faulen beginnen. Aber auch die frisch geschlüpften erwachsenen Käfer des Kleinen Kohltriebrüsslers können im Juni noch schwere Schäden anrichten. Hierbei ist vor allem Kohlgemüse gefährdet, welches in der Nähe von abreifendem Raps angebaut worden ist. Dabei erzeugen erwachsene Käfer an jungen, noch offen liegenden Herzblättern oder auch an den Blattrippen älterer Blätter Fraßlöcher und Fraßgruben.

- Bohrloch und Bohrgang an der Rippe eines Kohlblattes

- Fraßgruben der Käfer an einem Kohlblatt

- Bohrgänge in Radieschenknolle von den Blattstielen ausgehend
Wirtspflanzen
Kohltriebrüssler fressen an verschiedensten Arten von Kreuzblütlern. Welche davon befallen werden, hängt in erster Linie von deren Verfügbarkeit ab: beispielsweise sind im zeitigen Frühjahr nach der Überwinterung hauptsächlich Winterraps und Kohlsamenträger vorhanden. Kohlgemüse, Kren oder Radieschen werden hingegen erst später durch „Nachzügler“ befallen.
Verbreitung
Kleiner und Großer Kohltriebrüssler (Rapsstängelrüssler) sind in allen Anbaugebieten von Raps, Kohlgemüse oder Kren wechselnd häufig.
Vorbeugung und Bekämpfung
- Bekämpfungsmaßnahmen an Raps erfolgen durch chemische Bekämpfung der erwachsenen Käfer mit Mitteln gegen Rapsstängelrüssler oder Beißende Insekten an Raps. Dies sind derzeit verschiedene Pyrethroide (s. Verzeichnis der in Österreich zugelassenen Pflanzenschutzmittel).
- Der beste Applikationszeitpunkt liegt im zeitigen Frühjahr sobald die ersten Käfer fliegen, aber noch keine Eier abgelegt haben. Eier oder Larven in den Rapsstängeln sind sehr gut geschützt und chemisch nicht bekämpfbar. Wenn die Behandlung zu früh erfolgt und der Zuflug von den Winterquartieren noch nicht abgeschlossen ist, muss unter Umständen eine zweite Behandlung durchgeführt werden.
- Um den Flug von Kohltriebrüsslern zu ermitteln, stellt man gelbe wassergefüllte Farbschalen im Rapsfeld auf. Diese „Gelbschalen“ müssen im Rapsbestand an einer warmen Stelle stehen und täglich nach Kohltriebrüsslern kontrolliert werden. Es empfiehlt sich, einige Tropfen Spülmittel hinzuzufügen und auch etwas Spiritus, um das Frieren nach kalten Nächten zu verringern.
- Als Schwellenwert für Spritzmaßnahmen wird in der Literatur etwa drei Käfer je Gelbschale und Tag angeführt. Der lokal angepasste Schwellenwert kann davon aber abweichen und wesentlich höher liegen. Es empfiehlt sich, genaue Aufzeichnungen auch über den Erfolg der Maßnahme zu führen, damit Erfahrungen für die nächsten Jahre erhalten bleiben.
- Der richtige Bekämpfungszeitpunkt wird auch durch einen Warndienst an der AGES / Institut für Pflanzengesundheit bekannt gegeben. Auf jeden Fall müsste aber noch kontrolliert werden, ob auch tatsächlich Kohltriebrüssler im eigenen Bestand vorhanden sind.
- Kohlgemüse sollte vorbeugend möglichst weit getrennt von Raps angebaut werden, da dieser die Hauptwirtspflanze für die Käfer darstellt. Auch empfiehlt sich ein später Anbauzeitpunkt um der Flugperiode der Käfer auszuweichen.
- Der Frühjahrs-Fraß durch die Käferlarven in den Blattstielen von Kohlgemüse ist normalerweise vernachlässigbar gering. Wichtiger ist der Fraß frisch geschlüpfter Käfer der neuen Generation im Frühsommer zur Zeit des Abreifens von Raps. Diese Käfer befallen dann benachbartes Kohlgemüse, legen dort aber keine Eier mehr ab.
- Beim Auspflanzen von Samenträgern im zeitigen Frühjahr hat sich das Umhüllen mit engmaschigem Fliegengitter oder Vlies bewährt, welches den Zuflug der Käfer verhindert.
Bildnachweis: Abb.1, Abb.2, Abb.3: © P. P. Kohlhaas/AGES, Wien; Abb.4, Abb.7: © I-PGH/AGES, Wien; Abb.5, Abb.6: © W. Dukat/AGES, Wien.
Nachhaltige Pflanzenproduktion
Institut: Nachhaltige Pflanzenproduktion
Ort: 1220, Spargelfeldstrasse 191
Dienstort: Wien
Autor/Autorin kontaktieren
Weitere Artikel des Autors / der Autorin
Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit


