Die Kastanienminiermotte (Cameraria ohridella)

Einleitung
Nie zuvor hat ein nur wenige mm großes, für den Menschen völlig ungefährliches Insekt so großes öffentliches Aufsehen erregt wie die Kastanienminiermotte, Cameraria ohridella. Der Sprung ins Rampenlicht gelang dem kleinen Schmetterling vor allem wegen der unübersehbaren Schäden, welche die Raupen an den Blättern der allseits beliebten Rosskastanien verursachen. In den Sommermonaten färben sich dadurch ganze Bäume in Alleen, Parks und Plätzen vorzeitig braun und vermitteln hitzegestressten und schattenbedürftigen Bewohnern in Städten und Gemeinden gleichermaßen ein trauriges Bild. Mittlerweile ist bekannt, dass die Auswirkungen des Mottenbefalls auf die Gesundheit der Bäume weit weniger gravierend sind, als der optische Eindruck glauben macht. Dennoch beeinträchtigt die bereits mehr als 20 Jahre andauernde epidemische Ausbreitung des Schädlings empfindlich die Ästhetik und die Erholungsfunktion der öffentlichen Grünanlagen in Europas urbanen Siedlungsgebieten.

stark befallene Roßkastanienblätter (© C. Lethmayer/AGES, Wien)

Schadorganismus
Die Kastanienminiermotte, Cameraria ohridella Deschka & Dimić, ist ein bis zu 5 mm großer Schmetterling aus der Familie der Gracillariidae (Miniermotten). Die kupferfarbenen Vorderflügel tragen weiße Querbinden, die außen schwarz gerandet sind. Die Hinterflügel des Insekts sind fransig ausgebildet, was auf eine Anpassung an das Schweben als sogenanntes Luftplankton gedeutet wird.
Der Name „Miniermotte“ deutet auf die Lebensweise der Larven hin. Diese bohren sich nach dem Schlupf aus dem Ei in das Blatt ein und fressen in den oberen Gewebeschichten, ohne die darüber liegende Epidermis des Blattes zu verletzen. Auf diese Weise entstehen im Blatt abgeschlossene Hohlräume, die sogenannten „Minen“, in denen sich die Larven von äußerlichen Einflüssen geschützt entwickeln können.

Kastanienminiermotte (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Der alljährliche Entwicklungszyklus der Kastanienminiermotte beginnt mit dem Schlupf der Falter nach der Überwinterung etwa ab Mitte April. Ab Ende April legen die Weibchen bis zu 70 Eier auf die Blattoberseite der Rosskastanienblätter ab. Die ovalen, weniger als ½mm großen und fast durchsichtigen Eier werden bevorzugt in die Oberflächenvertiefungen bei den Blattnerven abgelegt und sind mit freiem Auge kaum erkennbar. Nach etwa 10 Tagen Embryonalentwicklung schlüpft die Eilarve und bohrt sich sofort in das Blatt ein.

Ei der Kastanienminiermotte (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Die gesamte Entwicklung erfolgt nunmehr innerhalb des Blattes in der Mine. Die Larven sind mit ihrem abgeflachten Körper, den stark reduzierten Beinen und dem flachen, dreieckigen Kopf mit den kräftigen Mandibeln perfekt an das Leben in der Mine angepasst. Sie fressen hauptsächlich den oberen Teil des Blattgewebes, das so genannte Palisadenparenchym, welches reich an Chlorophyll ist und die Grünfärbung des Blattes ausmacht. Die Larven durchlaufen vier bis fünf fressende Stadien, bevor sie ihre endgültige Größe von etwa 5mm erreichen. Danach folgen noch zwei spinnende Larvenstadien, von denen das erste den Minenboden mit Gespinst auskleidet und dadurch einen leichte Wölbung auf der Blattunterseite erzeugt. In der so entstandenen Ausbuchtung fertigt das zweite Spinnstadium einen linsenförmigen Kokon an, in dem die Verpuppung stattfindet.

fressendes Larvenstadium der Kastanienminiermotte in einer geöffneten Mine (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Die gesamte Larvalentwicklung dauert, abhängig von der Witterung, etwa einen Monat, danach folgt eine etwa zweiwöchige Puppenruhe. Ab etwa Mitte Juni schlüpfen in unseren Breiten die ersten Motten der „Frühlingsgeneration“. Es folgen noch mindestens zwei weitere Generationen, wobei die Falter der „Sommergeneration“ ab Mitte August bis weit in den Herbst hinein schwärmen. Die Falter der dritten Generation schlüpfen meist nicht mehr im selben Jahr, sondern überwintern im Puppenstadium in ihren Kokons in den Minen der abgefallenen Blätter. Nach einer etwa sechs Monate dauernden Winterruhe schlüpfen die Falter im folgenden Frühjahr aus dem Falllaub und der Entwicklungszyklus beginnt von Neuem.

Schadsymptome und Schäden
Durch die Fraßtätigkeit der Larven in den Blättern und die dadurch entstehenden Minen wird die obere Epidermis über den befallenen Stellen am Blatt von der Wasserzufuhr abgeschnitten und welkt. Auf diese Weise entstehen die typischen, nur auf der Blattoberseite sichtbaren braunen Flecken. Bei starkem Befall gehen einzelne Minen ineinander über, wodurch große, unregelmäßige Verbräunungen entstehen. Im Extremfall kann die gesamte Blattoberfläche von dutzenden bis hunderten Raupen unterminiert sein. In der Folge vertrocknen stark befallene Blätter und rollen sich vom Rand her ein. Die Rosskastanien werden dann bereits im Juli vollständig braun, im August kann bereits der Laubfall einsetzen.

Bei oberflächlicher Betrachtung kann das Schadbild der Kastanienminiermotte mit Blattrandnekrosen verwechselt werden, die durch Trockenstress entstehen. Außerdem erzeugt auch ein pflanzenpathogener Pilz, Guignardia aesculi, braune Flecken auf Rosskastanienblättern. Hält man die Blätter jedoch gegen das Licht, sind nur in den Minen der Motte kleine Räupchen, bzw. Spuren ihrer Ausscheidungen sichtbar. Zusätzlich sind die durch Trockenstress oder Pilzbefall entstehenden Flecken auf Blattober- und Unterseite gleichermaßen gut zu erkennen und oftmals von einem gelben Rand umgeben.

Im Durchlicht sind die Larven in den Minen gut sichtbar (© C. Lethmayer/AGES, Wien)

Entlaubte Bäume treiben zum Teil ein zweites Mal aus, vereinzelt kann im Spätsommer und Herbst auch eine „Notblüte“ auftreten. Dieses Phänomen ist jedoch nicht alleine auf den Miniermottenbefall zurückzuführen, sondern eine allgemeine Reaktion der Rosskastanien auf Stresssituationen. Das bekannte Wienerlied vom „narrischen Kastanienbaum“ beweist, dass im Herbst blühende Rosskastanien auch schon vor dem Auftreten der ersten Kastanienminiermotten bekannt waren.

herbstliche Notblüte (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Jüngere Untersuchungen haben ergeben, dass der physiologische Schaden an den Rosskastanien selbst durch starken Miniermottenbefall gering ist. Das Wachstum der Bäume und die Einlagerung von Reservestoffen finden zum großen Teil in der ersten Jahreshälfte statt. Bis Ende Juni ist das Ausmaß der Zerstörung der Blattfläche selbst bei starkem Befall noch nicht so groß, dass die Photosyntheseleistung der Rosskastanien wesentlich beeinträchtigt wäre. Erst in der zweiten Jahreshälfte macht sich der Verlust an funktionsfähiger Blattfläche in der Wasser- und Nährstoffbilanz der Bäume bemerkbar. In dieser Zeit wird der Großteil der Assimilate in die Produktion von Samen investiert. Gravierende Folgen des Mottenbefalls auf die Gesundheit der Bäume selbst sind daher nicht zu fürchten, allerdings ist die Qualität der produzierten Samen von der Befallsstärke durch die Miniermotte abhängig. Letzteres ist jedoch für gepflanzte Bäume in städtischen Grünanlagen unbedeutend. „Gefahr“ droht den Rosskastanien daher nur indirekt, wenn sie im öffentlichen Grün vermehrt durch andere Baumarten mit geringerem Schädlingsdruck ersetzt werden.

Wirtspflanzen
Der im deutschen Sprachgebrauch eingebürgerte Name „Kastanienminiermotte“ ist irreführend, da sich C. ohridella nicht auf der Edelkastanie, Castanea sativa L., entwickeln kann. Vielmehr ist die wichtigste Wirtspflanze der Kastanienminiermotte die weißblühende Rosskastanie, Aesculus hippocastanum L. Diese Baumart ist in unseren Breiten selbst nicht heimisch, erfreut sie sich aber wegen ihrer prächtigen Blüte im Frühjahr größter Beliebtheit. Allgemein wird vermutet, dass die ersten Rosskastanien durch den Hofbotaniker Carolus Clusius gegen Ende des 16. Jahrhunderts aus dem damaligen Osmanischen Reich nach Österreich gelangten. Heute zählt die Art zu den wichtigsten Park- und Alleebäumen in Mitteleuropa, einer vorsichtigen Schätzung nach stehen allein in Wien ca. 30 000 weißblühende Rosskastanien.

Blüten der (weißblühenden) Rosskastanie (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Es gibt begründete Zweifel daran, ob A. hippocastanum tatsächlich auch die ursprüngliche Wirtspflanze der Kastanienminiermotte ist. So ist z.B. verwunderlich, dass sich der kleine Schmetterling erst in den letzten 20 – 30 Jahren über Europa ausgebreitet hat, obwohl seine Wirtspflanze bereits seit mehr als 300 Jahren weit verbreitet ist. Ebenso auffällig ist der bereits Jahrzehnte andauernde Massenbefall der Rosskastanien. Diese epidemischen Populationsdichten der Miniermotte deuten eher auf eine erst in jüngster Zeit erschlossene Nahrungsressource hin und nicht auf ein in evolutionären Zeiträumen eingespieltes trophisches Verhältnis zwischen Pflanze und Pflanzenfresser. Klarheit über die ursprüngliche Wirtspflanze der Kastanienminiermotte wird es jedenfalls erst dann geben, wenn ihre geographische Herkunft geklärt worden ist (siehe Verbreitung).

Neben der weißblühenden Rosskastanie wurde auch auf anderen Rosskastanienarten geringer Befall durch C. ohridella festgestellt, beispielsweise auf der in Europa ebenfalls oft gepflanzten Aesculus x carnea, einer rotblühenden Hybride aus der gemeinen Rosskastanie und der amerikanischen roten Pavie (Aesculus pavia L.). Die Mortalität der Miniermotten ist auf diesen Wirtspflanzen jedoch sehr hoch, was sowohl auf mechanische Barrieren als auch auf toxische Blattinhaltsstoffe zurückzuführen sein dürfte. Von den ca. 20 weltweit bekannten Rosskastanienarten dürften die meisten amerikanischen Arten weitgehend resistent gegen den Befall durch C. ohridella sein, während manche Arten aus der „alten Welt“ als Wirtspflanzen geeignet erscheinen. Außer auf Rosskastanien wurde eine Entwicklung der Kastanienminiermotte auch schon auf Ahorn-Arten beobachtet, bis dato handelt es sich bei diesen Beobachtungen jedoch um vereinzelte Ausnahmefälle.

Verbreitung

Das erste Auftreten der Kastanienminiermotte war ziemlich unspektakulär und wurde in seiner Bedeutung anfangs unterschätzt. Vermutlich trat die Miniermotte an künstlich angelegten Rosskastanienbeständen in der Region rund um den Ohridsee (Mazedonien) in den frühen 70er Jahren zum ersten Mal auf. Dass es sich dabei um ein bis dato unbeschriebenes Insekt handelt, erkannten Simova-Tošić und Filev (1985). Fälschlicherweise wird das Erscheinungsjahr dieser Publikation bzw. das Untersuchungsjahr 1984 als Erstauftreten der Kastanienminiermotte genannt. Die (in Serbokroatisch verfasste) Publikation weist jedoch darauf hin, dass lokalen Beobachtern das Schadbild bereits seit 10 Jahren aufgefallen war.

In den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangte die Kastanienminiermotte jedoch erst durch ihre Verschleppung nach Mitteleuropa. Im Herbst 1989 wurden vereinzelte Minen der Kastanienminiermotte im Raum Linz gefunden. Bereits 1990/91 konnte dort eine Massenvermehrung festgestellt werden, 1992 entdeckte man die Motte im Raum St. Pölten. Seitdem hat sich der Schädling explosionsartig über ganz Österreich ausgebreitet. Ausgehend von diesem zweiten Befallsherd in Österreich verbreitete sich die Kastanienminiermotte vor allem nach Nordwesten, aber auch in die östlichen und südlichen Nachbarländer. Zusätzlich expandierte auch die Population vom Entdeckungsgebiet in Mazedonien ihr Areal in die übrigen Balkanländer und nach Osteuropa. Die beiden Expansionswellen trafen in Südungarn, Slowenien, den südlichen Bundesländern Österreichs und in Südtirol aufeinander. Mittlerweile kommt die Kastanienminiermotte in ganz Europa vor, von Griechenland, der dalmatinischen Küste, Norditalien und Südfrankreich im Süden bis Südskandinavien, Norddeutschland, Dänemark, den Beneluxstaaten und England im Norden. Die derzeitige westliche Ausbreitungsgrenze liegt in Frankreich und Spanien, die östlichsten Meldungen stammen aus der Ukraine.

Verbreitungsgebiet der Kastanienminiermotte in Europa in den Jahren 1989 und 2005 (© G. Grabenweger/AGES, Wien)

Die Herkunft der Kastanienminiermotte konnte trotz jahrelanger, weltweiter Suche noch nicht geklärt werden. Derzeit werden verschiedene Möglichkeiten in Betracht gezogen. Die wahrscheinlichste davon ist, dass die Motte aus dem ostasiatischen Raum eingeschleppt wurde, wo es nahe verwandte Miniermotten gibt. Möglicherweise entwickelt sich der kleine Minierer dort auf einer anderen Wirtspflanze, vielleicht auf einem anderen Laubbaum aus der Verwandtschaft der Ahornartigen. In ihrem ursprünglichen Habitat könnten die Populationsdichten der Miniermotte so niedrig sein, dass sie bis jetzt noch niemandem aufgefallen ist. Es ist auch möglich, dass die Kastanienminiermotte gar nicht eingeschleppt wurde, sondern tatsächlich aus dem Balkan oder aus einem angrenzenden kleinasiatischen Ursprungsgebiet stammt. In diesem Fall wäre es sehr wahrscheinlich, dass die rasante Ausbreitung in Europa erst nach einem in den vergangenen Jahrzehnten vollzogenen Wirtspflanzenwechsel stattgefunden hat.

Vorbeugung und Bekämpfung
Die einfachste Bekämpfungsmaßnahme ist zugleich auch die umweltschonendste der bisher zur Verfügung stehenden Methoden. In isolierten, überschaubaren Rosskastanienbeständen kann mit der gründlichen Entfernung des herbstlichen Fallaubes der Befall im folgenden Frühjahr deutlich gesenkt werden. Da die Miniermotten in den Minen der abgefallenen Blätter überwintern, bedeutet eine Entfernung des Fallaubes gleichzeitig eine Vernichtung der Überwinterungsstadien. Die erste Generation der Miniermotten im Frühjahr wird durch diese Maßnahme empfindlich getroffen, die Bäume bleiben in der Folge bis Ende Juni grün, meist ist auch im Sommer noch ein deutlich niedrigerer Befall feststellbar. Spätestens im Herbst hat sich die Mottenpopulation aber erholt und die dritte Mottengeneration kann bereits wieder epidemische Ausmaße erreichen.

Puppe der Kastanienminiermotte in ihrem Kokon (© C. Lethmayer/AGES, Wien)

Neben der Laubentfernung stehen auch chemische Pflanzenschutzmaßnahmen zur Verfügung. Mit einer sachgerechten Applikation von entwicklungshemmenden Insektiziden können die Kastanienminiermotten für eine Saison wirkungsvoll bekämpft werden. Die Notwendigkeit einer solchen Behandlung sollte jedoch sowohl aus Umweltschutz- als auch aus Kostengründen genau geprüft werden. Der optimale Applikationszeitpunkt, nach der vollständigen Entfaltung der Rosskastanienblätter und vor dem Einbohren der Larven in das Blattgewebe, entscheidet maßgeblich über den Bekämpfungserfolg. Das Institut für Pflanzengesundheit der AGES bietet dazu ein Warndienstservice an. Über den aktuellen Stand der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zur Bekämpfung der Kastanienminiermotte informiert das österreichische Pflanzenschutzmittelregister (s. Verzeichnis der in Österreich zugelassenen Pflanzenschutzmittel).

Verschiedene andere Kontrollmaßnahmen, wie der Einsatz von Pheromonen oder natürlichen Feinden, sind bis jetzt nicht über das Versuchsstadium hinausgekommen.

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