ERSTELLT: 17.01.2012

Das "Schmallenberg-Virus"

Im Zusammenhang mit dem gehäuften Auftreten von hochfieberhaften Durchfallerkrankungen (> 40 °C) mit stark vermindertem Allgemeinbefinden und Milchrückgang von bis zu 50 % in Rinderherden aus Nordrhein-Westfalen konnte vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI - Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit) im November 2011 in Deutschland erstmalig ein bisher unbekanntes Orthobunyavirus nachgewiesen werden.

Genomanalysen des FLI weisen eine hohe Übereinstimmung mit der Simbu-Serogruppe (Shamonda-, Akabane-Viren) auf und das Isolat wird vorerst bis zur endgültigen Klassifizierung als „Schmallenberg-Virus“ (Shamonda-like Virus) bezeichnet.
Das „Schmallenberg-Virus“ wurde nunmehr auch in den Niederlanden, Belgien, Großbritannien und Frankreich im Zusammenhang mit vermehrt auftretenden Missbildungen bei Kälbern, Lämmern und Kitzen festgestellt.  

Weiterführende Informationen über das Schmallenberg-Virus finden Sie auch unter folgende LINKS:

TiHO  Hannover Video zum Schmallenberg Virus
 
Europäische Kommission - Generaldirektion für Gesundheit und Konsumenten

EFSA: Spread of Schmallenberg virus in Ruminants 

EFSA: Schmallenberg virus - epidemiological scenarios

Erreger, Verbreitung

Genus Orthobunyavirus, Familie Bunyaviridae
Orthobunyaviren sind behüllte RNA-Viren, die über den Stich blutsaugender Insekten (Arthropoden) übertragen werden und bis dato in Afrika, Asien  und Australien nachgewiesen wurden. Neu ist der erstmalige Nachweis dieses Genus in Europa, wobei das „Schmallenberg-Virus“ nach bisherigen Berichten bereits verbreitet über die gesamten Niederlande, Belgien und in mehreren angrenzenden Bundesländern in Deutschland festgestellt wurde. Darüber hinaus konnte das Virus bis dato vereinzelt auch in Großbritannien und Frankreich detektiert werden. In Österreich gibt es derzeit keine Hinweise für ein Vorkommen des „Schmallenberg-Virus“ in heimischen Nutztierbeständen.

Wirtstiere, Gefährdung für den Menschen

Rinder, Schafe, Ziegen
Eine Gefährdung des Menschen wird vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) als eher unwahrscheinlich eingestuft.

Übertragung

Die Übertragung erfolgt ähnlich wie bei der Blauzungenkrankheit über Stechmücken (Gnitzen) als Vektoren. Die Überträger des Blauzungenvirus sind hauptsächlich in der Stechmückengattung Culicoides spp. zu finden. Vertreter der Culicoides spp. werden auch als aktuelle Vektoren für das „Schmallenberg-Virus“ in Europa vermutet.
Da Arthropoden an der Weiterverbreitung der Viren beteiligt sind, ist die Ausbreitung der Krankheit - ähnlich wie die seit 2006 in Europa auftretende Blauzungenkrankheit - saisonal an die Aktivität der Mücken gebunden.
Das bedeutet, dass - in Anlehnung an die Erfahrungen aus 2011 - möglicherweise ab dem kommenden Frühjahr-Sommer erneute Krankheitsfälle in bislang nicht betroffenen Regionen auftreten könnten.

Symptome

Meist verlaufen Orthobunyavireninfektionen mild, können aber auch folgende Symptome verursachen:

  • erhöhte innere Körpertemperatur (> 40 °C),
  • reduziertes Allgemeinbefinden und Appetitlosigkeit
  • mittel- bis hochgradige Diarrhoe
  • starker Milchrückgang (bis 50 %)

Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion während der Trächtigkeit kann das Virus die Plazentaschranke überwinden, den Fötus infizieren und Embryopathien verursachen. Die Auswirkungen sind bei der Akabane-Krankheit und anderen verwandten Orthobunyavirus-Infektionen folgendermaßen beschrieben (PFEFFER, M., 2011):

  • Geburt lebensschwacher Tiere, die verschiedene neuronale Defekte im Bereich der Motorik oder Sensorik aufweisen (Infektion  des Muttertieres im ersten Trächtigkeitsdrittel)
  • Geburt arthrogrypotischer Tiere bei Infektion des Muttertieres im zweiten Trächtigkeitsdrittel: durch eine Polyomyelitis kommt es zum Verlust der spinalen Motoneurone, wodurch die Gliedmaßen in unphysiologischer Haltung fixiert werden. Es können auch unphysiologische Kopfhaltung (Torticollis) sowie Körperhaltungen (Kyphose, Skoliose) auftreten.
  • Frühgeburten bzw. Aborte
  • missgebildete Kälber, Lämmer oder Kitze (Hydrocephalus, Mikroenzephalus)
  • Im letzten Trächtigkeitsdrittel scheint das Akabanevirus keine Embryopathien mehr zu verursachen.

Bekämpfung

Da die Übertragung des Virus über Stechmücken als Vektoren erfolgt, kann über eine Behandlung der Tiere mit Repellents versucht werden, einen Befall durch Stechmücken und folglich eine Infektion zu verhindern. Ein spezifischer Impfstoff gegen das „Schmallenberg-Virus“ ist derzeit nicht verfügbar.

Gesetzliche Bestimmungen

In Bezug auf das „Schmallenberg-Virus“ bestehen aktuell keine expliziten europäischen oder nationalen Rechtsvorschriften.

Nachweisverfahren

Der Nachweis des „Schmallenberg-Virus“ erfolgt mittels molekularbiologischer Genom-Identifizierung (RT-qPCR). Die vom FLI entwickelte RT-qPCR Methode wurde dankenswerter Weise an andere Untersuchungseinrichtungen weitergegeben, um auch in bisher nicht betroffenen Regionen etwaige Verdachtsfälle abklären zu können. Entsprechend erster vom FLI durchgeführten Tierversuche mit dem neuisolierten Virus dürfte die Virämiephase, also die Zeitspanne, in der das Virus im Blut vorhanden und somit detektierbar ist, recht kurz sein (wenige Tage).

Ein kommerzieller ELISA zum Nachweis spezifischer Antikörper ist derzeit nicht verfügbar. Am FLI wurde mittlerweile ein Serumneutralisationstest (SNT) zum Nachweis von Antikörpern etabliert.

Als Probenmaterial zum Virus-Nachweis mittels RT-qPCR sind folgende Probenmaterialien einzusenden:

  • EDTA-Blut und Serum lebender Tiere
  • abortierte Föten oder verendete neugeborene Tiere, bzw. deren Organe (ZNS: Groß- und Kleinhirn; Herzblut, ev. Milz).

Bei Auftreten von klinischen Verdachtsfällen bei adulten Tieren (Fieber > 40 °C, gestörtes Allgemeinbefinden, mittel- bis hochgradige Diarrhoe, massiver Milchrückgang) sowie bei klinisch auffälligen Neugeborenen (Totgeburten, Fehlbildungen, Aborten) sollte umgehend Kontakt mit dem Untersuchungslabor aufgenommen werden bzw. können nachfolgend entsprechende Proben eingesandt werden.

Untersuchungslabor

Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Mödling
Tel. Nr. 0043(0)50 555- 38112

LINK zur Anfahrt und den Öffnungszeiten des Institutes

Literatur

1) Friedrich-Löffler-Institut-Deutschland: FLI-Bericht „Schmallenbergvirus“
    LINK zu FLI/Deutschland
 
2) ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control): ECDC-Risk Assessment

3) PFEFFER, M. (2011): Familie Bunyaviridae. In: SELBITZ, H.J., TRUYEN, U., VALENTIN-WEIGAND, P. (HRSG): Tiermedizinische Mikrobiologie, Infektions- und Seuchenlehre. 9te Auflage, Enke Verlag, Stuttgart, S. 563-570.

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