BTV (= Bluetongue, Blauzungenkrankheit)
Der Erreger der Bluetongue ist ein Orbivirus mit derzeit 24 bekannten Serotypen. Das Wirtsspektrum umfasst vor allem Wiederkäuer (z. B. Schafe) aber auch Sohlengänger (z. B. Alpaka). Infizierte Tiere weisen eine geringe Letalität und hohe Morbidität auf. Die Inkubationszeit beträgt 3-7 Tage. Der Erreger wird über blutsaugende Mücken (Culicoides spp.) übertragen. Nach dem Stich einer infizierten Mücke kommt es im empfänglichen Wirt zu einer Virämie mit Fieber und klinischen Symptomen. Bei Rindern ist das klinische Krankheitsbild ähnlich der MKS, während bei Schafen meist Lahmheit das auffälligste Symptom ist. Differentialdiagnostisch kommen MKS, BKF, BHV-2, Kreislaufstörungen anderer Genese, etc. in Betracht. BTV ist eine anzeigepflichtige Krankheit.
Erreger
Das Bluetongue virus (BTV) ist ein unbehülltes doppelsträngiges RNA-Virus, das zum Genus Orbivirus der Familie Reoviridae, mit derzeit 24 Serotypen, gehört.
Die serologische Verwandtschaft zwischen den einzelnen BTV-Serotypen ist unterschiedlich ausgebildet. Aus diesem Grund besteht die Möglichkeit, zwischen zwei BTV-Serotypen entweder eine hohe Kreuzreaktion ("enges" Verwandtschaftsverhältnis, z. B. BTV-8 und BTV-18) oder eine geringe Kreuzreaktion ("weites" Verwandtschaftsverhältnis, z. B. BTV-8 und BTV-15) nachzuweisen. Daher kann auch ein BTV-geimpftes Tier an einem anderen BTV-Serotyp klinisch erkranken und gegen diesen zweiten BTV-Serotyp Antikörper bilden.
In Laborversuchen wurde das Bluetongue virus nach 3 Stunden bei einer Temperatur von 50 °C bzw. nach 15 Minuten bei einer Temperatur von 60 °C inaktiv. Das Virus kann unter geeigneten Bedingungen jahrelang überleben, z. B. in Blutproben bei 20 °C. (Quelle: OIE).
Auftreten, Verbreitung
Die Blauzungenkrankheit wurde erstmals in Südafrika im Jahre 1934 festgestellt. Mit dem Export von Merinoschafen in viele Staaten des afrikanischen Kontinents breitete sich die Krankheit weiter aus. Heute kommt das Bluetongue virus beinahe weltweit vor.
Am 17. August 2006 wurde von den niederländischen Behörden der erste Ausbruch nördlich des 50. Breitengrades gemeldet. Bei dem in den Niederlanden gefundenen Virus-Stamm vom Serotyp 8 (BTV-8) handelt es sich allerdings nicht um den in Südeuropa heimischen Stamm. In Deutschland wurde das Auftreten eines Virus-Stammes vom Serotyp 6 (BTV-6) gemeldet.
Am 07.11.2008 wurde der erste BTV-Fall bei einem Rind in Oberösterreich (Bezirk Schärding) gemeldet. Insgesamt konnten 28 positive BTV-Tiere gefunden werden. Seit dem 11.07.2009 wurden keine weiteren BTV-Fälle nachgewiesen.
Übersicht über alle BTV-8 positiven Fälle in Österreich:
Jahr | Summe | Wien | NÖ | OÖ | Sbg | Tirol | Vbg | Ktn | Stmk | Bgld |
2008 | 11 | 0 | 0 | 10 | 0 | 0 | 1 | 0 | 0 | 0 |
2009 | 17 | 0 | 0 | 14 | 1 | 0 | 2 | 0 | 0 | 0 |
gesamt | 28 | 0 | 0 | 24 | 1 | 0 | 3 | 0 | 0 | 0 |
Situation in Österreich/Aktuelle Informationen
Wirtstiere, Gefährdung für den Menschen
Als empfänglichste Tierart gilt das Schaf, wobei zwischen den einzelnen Rassen Unterschiede in der Empfänglichkeit bestehen. Die Krankheit tritt auch bei Rindern und Ziegen sowie bei Wildwiederkäuern (z. B. Hirsch, Rotwild, Steinbock, Gämse) und Kameliden auf.
Für den Menschen besteht keine Infektionsgefahr. Es besteht kein Risiko, dass sich die Blauzungenkrankheit durch Fleisch oder Milch verbreitet oder überträgt.
Übertragung
Die Übertragung erfolgt durch Stechmücken (Culicoides spp.), das heißt, es gibt keinen direkten Übertragungsweg von Säugetier zu Säugetier. Da Mücken an der Weiterverbreitung der Viren beteiligt sind, ist die Krankheit saisonal an die Aktivität der Culicoides-Mücken gebunden. Auch in Österreich wurde im Rahmen des Projektes "Bluetongue Überwachung" das Vorkommen der Überträgerinsekten in großer Zahl nachgewiesen.
Beim Saugakt am infizierten Tier nimmt die Culicoides-Mücke BT-virushältiges Blut auf. Das Bluetongue virus gelangt zuerst in den Darm und von dort weiter in die Speicheldrüsen der Culicoides-Mücke. Mit dem nächsten Saugakt wird BT-virushältiger Speichel in die Blutbahn des Säugetieres (Wiederkäuer) gebracht. Dort kommt es zur Virusvermehrung sowie zur Weiterverbreitung des BT-Virus in alle Organe. Das Säugetier baut eine Immunantwort (Antikörperbildung) gegen den Erreger auf. Daher kann das BT-Virus in der Mücke bis zu ca. 28 Tagen, im Schaf bis zu ca. 60 Tagen und beim Rind bis zu ca. 150 Tagen nachgewiesen werden.
Symptome
Die Blauzungenkrankheit ist eine zyklische Erkrankung. Die Inkubationszeit beträgt 3-7 Tage. Es werden unterschiedliche Verlaufsformen beobachtet: akut, subakut und abortiv, wobei alle mit einer Temperaturerhöhung beginnen. Die Symptome sind:
- Fieber (40-42 °C)
- Hyperämien der oralen und nasalen Schleimhäute
- Lippenödeme
- Klauenentzündung: Hyperämie des Kronsaumbereiches
- Aborte
- Veränderungen der Skelettmuskulatur
Bedeutung
Die Blauzungenkrankheit ist eine nach dem Tierseuchengesetz anzeigepflichtige Tierseuche.
Überwachung und Bekämpfung
Die Überwachung des österreichischen Tierbestandes konzentriert sich auf die Erkennung BTV-positiver Tiere sowie auf die Kontrolle des Tierverkehrs:
- flächendeckende Untersuchung von empfänglichen Tieren
- BTV-8-Impfung bei Rind, Schaf, Ziege
Nach einem von der AGES ausgearbeiteten Stichprobenplan sind in Österreich für diesen Herbst (15.09.2011 bis 22.12.2011) in 4 Regionen je 301 Rinder auf Blauzungenkrankheit zu untersuchen. Diese Tiere werden auf BTV-Antikörper untersucht und dürfen daher niemals mit einem BTV-Impfstoff geimpft worden sein. Ziel ist, mithilfe dieser Sentineltiere, eine BTV-Infektion in einem Gebiet frühzeitig zu erkennen.
Wird in Österreich ein BTV-positives Tier gefunden, treten die Bekämpfungsmaßnahmen gemäß Bluetongue-Bekämpfungsverordnung in Kraft.
Impfung
Gegen die Blauzungenkrankheit gibt es serotypenspezifische Impfstoffe. Seit 01.08.2008 ist ein BTV-8 Impfstoff bei Rindern und kleinen Wiederkäuern von der EMEA zugelassen. Derzeit wird in Österreich kein amtliches Impfprogramm gegen BT durchgeführt.
Informationen über die Impfung - Paul Ehrlich Institut/D
Informationen über die Impfkampagne und das Auftreten von Blauzungenkrankheit in der Schweiz
Wichtige Informationen
Gesetzliche Bestimmungen zur Bekämpfung der Blauzungenkrankheit
BMG: Blauzungenkrankheit in Österreich
Informationen zur Situation in den betroffenen Nachbarländern stehen unter folgenden Links im Internet zur Verfügung:
Deutschland: Friedrich-Löffler-Institut
Belgien: Federal Agentschap voor de veiligheid van de voedselketen
Niederlande:MinLV
Luxemburg:Ministère de l'Agriculture
Frankreich: Ministère de l'Agricultur e et del la Peche
Schweiz:Bundesamt für Veterinärwesen BVET
Weitere informative LINKS:
EFSA
EU-Kommisions Homepage / Bluetongue
FAO
OIE - World Organisation for Animal Health
Niedersächsisches Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit
Nachweisverfahren
Als Probenmaterial sind geeignet:
- Blut (EDTA/Serum)
- Milch
- Organe
- Mücken
Der Nachweis von BTV aus obigen Materialien ist mit folgenden Verfahren möglich:
- Serologische Testverfahren zur Antikörperbestimmung: ELISA (Serum und Milch), Serumneutralisationstest (Serum)
- Molekularbiologische Identifizierung (EDTA-Blut, Organe und Mücken)
- BT-Virusanzüchtung (EDTA-Blut, Organe, eventuell Mücken)
Informationen zu den Untersuchungslaboratorien:
EU-Referenzlabor (Institute for Animal Health in Pirbright: Bluetongue)
Nationales Referenzlabor (AGES-Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Mödling)
weitere AGES-Untersuchungslaboratorien:
AGES-Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Linz,
AGES-Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen Innsbruck
Anzahl der Untersuchungen
Durchgeführte BTV-Antikörperuntersuchungen (AK) und BTV-AG (virales Genom mittels PCR) – Untersuchungen von 2000 bis 2010.
2000 | 2001 | 2002 | 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | |
Gesamt | 116 | 123 | 127 | 108 | 140 | 257 | 9.074 | 30.676 | 54.843 | 60.540 | 71.680 |
AK | 116 | 123 | 127 | 108 | 140 | 257 | 9.033 | 30.059 | 46.503 | 35.314 | 32.209 |
PCR | 41 | 617 | 8.340 | 25.226 | 39.471 |
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