AGES zum Tuberkulosewelttag
Alle Mycobacterium-tuberculosis-Komplex-Bakterien können beim Menschen eine Tuberkulose verursachen. Im Jahr 2008 wurden in Österreich beim Menschen 493 Infektionen mit M. tuberculosis, drei Fälle mit M. bovis und zwei mit M. caprae kulturell verifiziert. Im Jahr 2007 waren es 507 Infektionen mit M. tuberculosis, ein Fall mit M. bovis und einer mit M. caprae. Die drei M. bovis Fälle aus dem Vorjahr stammen von Patienten ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Im Unterschied zu den M.-caprae-Infektionen werden Primärinfektionen mit M. bovis heute vorwiegend im Ausland akquiriert.
Erkrankungszahlen rückläufig, aber vermehrt resistente Erreger
In Österreich ist die Inzidenz an Tuberkulose in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 4,3 Prozent pro Jahr gesunken. Tuberkulose kann im Normalfall mit einer Kombination von vier Standard- oder Erstrang-Antituberkulotika behandelt werden. Das Auftreten von multiresistentem M. tuberculosis (MDR-Tb) erschwert, verlängert und verteuert die Behandlung.
MDR-Tb entsteht durch Bakterien, die mindestens gegen Isoniazid und Rifampicin, die beiden wirkungsvollsten Erstrang-Antituberkulotika, resistent sind. Mangelhafte Patientencompliance, unfachgemäße Medikamentenverschreibung, irreguläre Medikamentenversorgung und Vorkommen minderwertiger Medikamente gelten als die Hauptursachen von Antituberkulotika-Resistenzen. In Österreich ist die Inzidenz an multiarzneimittelresistenter Tuberkulose für Personen mit österreichischer Staatsangehörigkeit in den Jahren von 1997 bis 2008 weitgehend gleich geblieben; die mittlere jährliche Inzidenzrate von 1997 bis 2008 betrug 0,016 MDR-Tb Fälle pro 100.000 Personen (Schwankungsbereich: 0 bis 0,03 Fälle pro 100.000 Personen). Demgegenüber fällt bei Personen mit anderer Staatsangehörigkeit in der Zeit von 2002 bis 2004 ein Anstieg der Inzidenz an MDR-Tb von 0,40 auf 2,46 Fälle/100.000 Personen auf.
Im Jahr 2007 wurden in Österreich neun Fälle von MDR-Tb diagnostiziert (Herkunftsländer der Patienten: Russishe Förderation, Armenien, Georgien, Türkei, Ukraine, Moldawien und ein Fall aus der Dominikanischen Republik), im Jahr 2008 14 Fälle. Finale Daten bezüglich Herkunftsland sind mit Stand März 2009 noch ausständig; ein Fall stammt aus Vietnam, die Restlichen, den Namen nach zu urteilen, aus dem osteuropäischen Raum und aus der Russischen Förderation.
Extrem resistente Erreger auch in Österreich
In den vergangenen Jahren wurde auch zunehmend über das Vorkommen von extrem arzneimittelresistenter Tuberkulose (XDR-Tb) berichtet. Selbst bei optimaler Therapie können hier nur mehr 50 bis 60 Prozent der von XDR-Tb Betroffenen geheilt werden. In Österreich wurde extrem arzneimittelresistente Tuberkulose (XDR-Tb) erstmalig im Mai 2008 diagnostiziert.
Weil die XDR-Tb resistent gegen Erstrang- und Zweitrang-Antituberkulotika ist, sind die Behandlungsmethoden stark eingeschränkt und damit auch die Heilungschancen. Zu einer XDR-Tb kommt es durch Bakterien, die gegen alle Fluoroquinolone und außer gegen Isoniazid und Rifampicin auch gegen mindestens eines der injizierbaren Zweitrang-Antituberkulotika (Capreomycin, Kanamycin und Amikacin) resistent sind. Von den 14 MDR Fällen des Jahres 2008 waren 4 XDR-Fälle. Bei allen Fällen handelt es sich um Patienten ohne österreichische Staatsbürgerschaft. Es sind drei Männer und eine Frau betroffen. Dem medizinischen Personal bleibt zum Selbstschutz vor Ansteckung mit XDR-Tb einstweilen nur die strikte Einhaltung altbewährter Hygieneregeln.
Tuberkuloseerreger weltweit vorhanden
Der M.-tuberculosis-Komplex ist eine Gruppe genetisch sehr nahe miteinander verwandter Varianten bzw. Subspezies der Tuberkulosebakterien. Neben M. tuberculosis und der in Afrika relativ häufigen regionalen Variante M. africanum gehören dazu der Erreger der Rindertuberkulose M. bovis, der hiervon durch jahrelange Passage abgeleitete Impfstamm M. bovis-BCG (Bacille Calmette-Guérin, eine Deletionsmutante von M. bovis), M. canettii (bisher selten nachgewiesener Tuberkuloseerreger vor allem afrikanischer Herkunft) und M. microti (Erreger einer „Tuberkulose“ bei verschiedenen Tierspezies, insbesondere bei Nagetieren, der in Einzelfällen auch beim Menschen nachgewiesen wurde). Seit dem Jahr 2003 wird zudem M. caprae als eigene Species dem M.-tuberculosis-Komplex zugezählt. Tuberkulosefälle durch M. caprae bei Rotwild wurden in Westösterreich in den letzten Jahren in epidemiologischem Zusammenhang mit Tb-Fällen bei Rindern beobachtet, wobei es hier auch Fälle in demselben Cluster auf angrenzendem deutschem Gebiet gegeben hat.
Institut für med. Mikrobiologie und Hygiene, Wien
Institut: Institut für med. Mikrobiologie und Hygiene, Wien
Adresse: 1096 Wien, Waehringerstrasse 25a
Autor/Autorin kontaktieren
Weitere Artikel des Autors / der Autorin
Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit