ERSTELLT: 27.04.2010 | AKTUALISIERT: 05.05.2010

Ausbruch von Kinderlähmung (Poliomyelitis) in Tadschikistan

Am 23. April 2010 hat die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) bestätigt, dass derzeit in Tadschikistan Fälle von Kinderlähmung (Poliomyelitis) beobachtet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinderlähmung aus Tadschikistan nach Österreich eingeschleppt wird, ist angesichts der geringen Anzahl an Besuchern dieses Landes gering. Ein von der Nationalen Referenzzentrale für Polio (NRZP) am AGES-Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Wien koordiniertes Überwachungssystem von Fällen von schlaffen Lähmungen bei Kindern bis zum vollendeten 15. Lebensjahr soll zudem sicherstellen, dass sich in Österreich gegebenenfalls importierte Polioviren nicht unbemerkt verbreiten können.

Bisher 216 Fälle in Tadschikistan

Die Republik Tadschikistan ist ein Binnenstaat in Zentralasien, der an Afghanistan, Usbekistan, Kirgisistan und die Volksrepublik China angrenzt. Am 23. April 2010 hat die Welt-Gesundheitsorganisation (WHO) bestätigt, dass derzeit in Tadschikistan – erstmalig seit 1998 – wieder Fälle von Kinderlähmung beobachtet werden. Mit Stand 22. April wurden 128 Fälle von schlaffen Lähmungen (Englisch: acute flaccid paralysis = AFP), darunter 10 Todesfälle, beobachtet. In sieben Fällen wurde die Diagnose Poliomyelitis labordiagnostisch bestätigt. Update Stand 4. Mai 2010: 216 Fälle von schlaffen Lähmungen (Englisch: acute flaccid paralysis = AFP) - 52 laborbestätigte Fälle von Kinderlähmung, 160 Laborproben noch in Bearbeitung, 1 Probe positiv für Sabin-Impfvirus, 3 negativ für Poliovirus (alle außer zwei Patienten waren Kinder im Alter von unter 15 Jahren).

Der Erreger von Poliomyelitis ist das Poliovirus, welches über das Rachensekret und den Stuhl infizierter Menschen ausgeschieden wird. Die Übertragung des Erregers erfolgt meist über Schmierinfektionen, wobei die Inkubationszeit im Allgemeinen 1 bis 2 Wochen beträgt. Über 90 % der Infektionen verlaufen asymptomatisch (= ohne dass der Betroffene irgendwelche Beschwerden hat) oder mit leichtem Fieber. Kommt es zu Krankheitszeichen, so kann die Erkrankung in drei Formen verlaufen:

In Österreich ist Polio letztmalig im Jahr 1980 aufgetreten. Die WHO-Region Europa wurde 2002 für poliofrei erklärt. In vielen Ländern des asiatischen Raumes sowie in Afrika ist sie jedoch nach wie vor heimisch. Importierte Infektionen in poliofreien Regionen wie Österreich sind nicht grundsätzlich auszuschließen.

Nur eine vollständige Impfung bietet Schutz. In Österreich gelangt seit 1999 (Beginn der Umstellung) die Polio-Impfung nach Salk (Stich-Totimpfung) zur Anwendung. Es handelt sich um einen Totimpfstoff, der drei Poliovirusstämme in abgetöteter Form  enthält.

Der in Österreich vor 1999 ausschließlich verwendete Schluckimpfstoff enthielt in seiner Virulenz abgeschwächte, jedoch vermehrungsfähige Viren; bei ca. 1 von 750.000 Geimpften verursachte dieses „Impfvirus“ eine paralytische Poliomyelitis (Englisch: Vaccine-Associated Paralytic Poliomyelitis: VAPP). Darüber hinaus kann das „Impfvirus“ während seiner Vermehrung im Geimpften mutieren, wieder ähnliche Virulenzeigenschaften wie das Wildvirus erlangen und – da es ausgeschieden wird – selbst Ausgangspunkt von Polio-Ausbrüchen werden (Englisch: circulating Vaccine-Derived Polioviruses: cVDPVs). Personen mit einer B-Zell-Defizienz können VDPVs jahrzehntelang, möglicherweise lebenslang ausscheiden. Aus diesen Gründen erfolgte in Österreich ein Wechsel vom Lebendimpfstoff (Schluckimpfung) zum inaktivierten Totimpfstoff (Stich-Totimpfung). In den Ländern Indien, Pakistan, Afghanistan und Nigeria gelangt jedoch unverändert dieser Lebendimpfstoff zum Einsatz.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Kinderlähmung (Poliomyelitis) aus Tadschikistan nach Österreich eingeschleppt wird, ist angesichts der geringen Anzahl an Besuchern aus diesem bzw. in dieses Land sehr gering. Dennoch kann die Möglichkeit einer Einschleppung nie gänzlich ausgeschlossen werden, weshalb die Berechtigung und Notwendigkeit der Poliomyelitis-Schutzimpfung auch in Österreich außer Frage steht.

Keine Polioviren in Österreich

Zu den Aufgaben der Nationalen Referenzzentrale für Polio (NRZP) am AGES-Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene in Wien gehören Laboruntersuchungen im Rahmen der Überwachung von Fällen von schlaffen Lähmungen (AFP) bei Kindern bis zum vollendeten 15. Lebensjahr. Im Jahr 2008 wurden 4 und im Jahr 2009 6 AFP-Fälle gemeldet. Im ersten Quartal des Jahres 2010 fand sich kein Fall. Im Rahmen eines Netzwerkes für Enterovirus-Infektionen wurden in den beteiligten Laboratorien im Jahr 2008 4498 Proben und im Jahr 2009 4158 Proben untersucht, bei denen mittels PCR oder durch Isolierung 178 beziehungsweise 113 Mal Enteroviren nachgewiesen wurden. Unter den isolierten Stämmen befanden sich keine Polioviren. Dieses von der AGES koordinierte Überwachungssystem soll sicherstellen, dass sich in Österreich gegebenenfalls importierte Polioviren nicht unbemerkt verbreiten können.

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